Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Architektur des Mordes: Die Baupläne von Auschwitz-Birkenau

Weiterführenden Materialien für Lehrerinnen und Lehrer zur gleichnamigen Ausstellung

Von Anna Stocker, Franziska Reiniger


Die Ausstellung Architektur des Mordes zeigt Baupläne des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Hier können Sie die Einführung der Ausstellung „Architektur des Mordes“ einsehen, in der die Geschichte der Pläne und ihr Weg ins Museum Yad Vashem erzählt werden.

Was sagen diese Pläne aus? Wofür stehen sie?

Die Pläne zeigen auf beeindruckende und gleichzeitig erschreckende Art einmal mehr, mit welcher Professionalität und Sachlichkeit die Planung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz vonstatten ging. Ohne zusätzliche Informationen darüber, was in Auschwitz geschah, würde sich aus diesen Plänen die Wirklichkeit nicht herauslesen lassen. Um sie einordnen, lesen und verstehen zu können, ist daher das Einbeziehen anderer Narrative als das der Täterinnen und Täter notwendig. In dieser pädagogischen Handreichung wird Lehrenden, die sich mit der Thematik auseinandersetzen wollen, zusätzliches Material zur Verfügung gestellt. Im ersten Abschnitt gehen wir auf die Entwicklung des Vernichtungsvorgangs von den Massenerschießungen zu den Vernichtungslagern ein. Im zweiten thematischen Schwerpunkt wird die Sprache der Täter auf den Bauplänen der Sprache und Realität der Opfer im Lager gegenüber gestellt. Als letztes wird genauer auf die Pläne der Ausstellung eingegangen, die nicht von Nationalsozialisten erstellt wurden. Es handelt sich dabei um die Pläne und den Bericht von zwei Flüchtigen des Lagers Auschwitz, Rudolf Vrba und Alfred Wetzler. Mit dieser mittlerweile als Auschwitz-Report bezeichneten Darstellung wollten sie erreichen, dass das Morden in Auschwitz beendet wird.

1. Entwicklung des Vernichtungsvorgangs

Am 22. Juni 1941 begann mit dem „Unternehmen Barbarossa“ die systematische Vernichtung der Jüdinnen und Juden in der Sowjetunion. Diese wurde zunächst nur von den Mitgliedern der Einsatzgruppen durchgeführt, das heißt, die Menschen wurden unmittelbar erschossen. Bereits während dieser Phase wurde von den Nazis eine andere Strategie der Vernichtung entwickelt. Diese beinhaltete, dass die Opfer zu den Tätern gebracht und in den Vernichtungslagern mit Giftgas ermordet wurden. Bereits ab Ende 1941 wurde diese Methode des Tötens in Chelmno (deutsch Kulmhof) erprobt. Insgesamt 320.000 Menschen, darunter viele Jüdinnen und Juden des Ghetto Lodz, wurden dort in Wägen durch Gas umgebracht. Ebenfalls im Herbst 1941 begann die Aktion Reinhard, die nach dem maßgeblichen Organisator der sogenannten Endlösung, Reinhard Heydrich, benannt wurde. Ziel dieser Aktion war die Vernichtung der 2,2 Millionen Jüdinnen und Juden im Generalgouvernement. Zu diesem Zweck ließen die Nationalsozialisten die drei Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka errichten. Der Bau des Lagers Auschwitz wurde ebenfalls 1941 begonnen. Die Herstellung der Gaskammern und Krematorien fand im Jahr 1942 statt, 1943 startete in Auschwitz II-Birkenau die Vernichtung. Das Lager Auschwitz II-Birkenau stellte somit den Höhepunkt des Prozesses der systematischen Vernichtung dar, der seinen Anfang bereits 1941 nahm.

Die strategische Veränderung in der Durchführung des Massenmords wurde unter anderem beschlossen, weil Täter Kritik an der Praxis der Massenerschießungen übten. Der direkte Kontakt mit den Ermordeten wirkte sich belastend auf die Täter aus. Zudem wurde bemängelt, die Erschießung seien nicht effektiv genug.[1] Daraufhin wurden andere Methoden gesucht und gefunden, bei denen die Konfrontation zwischen Tätern und Opfern auf ein Minimum reduziert wurde: durch die Vergasung in den Vernichtungslagern. Die Leichen mussten von den jüdischen Häftlingen der so genannten Sonderkommandos aus den Gaskammern herausgezogen werden, so dass die Täter selbst dem Anblick der Massen von Toten nicht mehr ausgesetzt waren. Diese Art des Massenmords in den Vernichtungslagern verschaffte den Tätern eine Distanzierung vom eigentlichen Vernichtungsvorgang, die bei den Massenerschießungen unmöglich war.

Obersturmführer Karl Kretschmer war Mitglied der Einsatzgruppe C und als solches an Massenerschießungen in der Sowjetunion beteiligt. Die Einsatzgruppe C war unter anderem für das Massaker in Babi Yar bei Kiew verantwortlich. In einer Schlucht außerhalb der Stadt ermordeten die Einsatzgruppen am 29. und 30. September 1941 mehr als 33.000 ukrainische Jüdinnen und Juden. Ob Karl Kretschmer an der Massenerschießung in Babi Yar beteiligt war, ist nicht bekannt. Die Briefe, die er von seinem Einsatz in der Sowjetunion nach Hause schrieb, geben einen Eindruck davon, wie er die Erschießungen erlebt und seinen Umgang damit an seine Familie vermittelt hat. Aus diesen Privatbriefen lässt sich erkennen, dass die physische Durchführung der Massenerschießungen von ihm selbst als schwierig empfunden wurde. Hier können Sie die Briefe von Karl Kretschmer einsehen.

Diskussionsvorschläge für Lerngruppen

  • Karl Kretschmers Perspektive auf seinen Einsatz in der Sowjetunion
  • Karl Kretschmers sprachliche Darstellung des Genozids in Bezug auf die Leserinnen und Leser in Deutschland, also vor allem seine Familie
  • Karl Kretschmer Strategien im Umgang mit den Massenerschießungen
2. Sprache als Deutung der Wirklichkeit

„Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewusst in sich trägt: die Sprache bringt es an den Tag. Die Aussagen eines Menschen mögen verlogen sein - im Stil seiner Sprache liegt sein Wesen hüllenlos offen.“[2]

Dieses Zitat von Victor Klemperer beschreibt sehr deutlich, welche Funktion Sprache haben kann. Während der Zeit des Nationalsozialismus und gerade in den Konzentrationslagern bekamen vormals alltägliche Worte eine vollkommen andere Bedeutung. Ein Beispiel hierfür ist das Wort Arbeit. Die Menschen im Lager wurden gezwungen, jeden Tag zu arbeiten.

Die Arbeiten, die sie verrichten mussten und die Bedeutung dieser Arbeit für ihr Leben und Überleben im Lager sind weit davon entfernt, was Arbeit vor und nach der Zeit des Lagers bedeutete. Die Täterinnen und Täter pervertierten den Begriff Arbeit geradezu. In ihren Verteidigungsreden sagten die Angeklagten während der Täter-Prozesse nicht selten aus, dass sie in den Lagern nur ihre Arbeit getan, ihre Pflicht erfüllt hätten (das gilt beispielsweise für die Verteidigungslinie im Prozess gegen Adolf Eichmann; hier erhalten Sie ausführlichere Informationen zum Prozess 1961 in Jerusalem). So haben die Nationalsozialisten die Beteiligung am Mord oder das Morden selbst als Arbeit definiert.

Diese unterschiedliche Bedeutungszuweisung zeigt sich auf verschiedenen Ebenen, so auch hinsichtlich der Topographie von Lagern – wie am Beispiel Auschwitz.

Die Planung des Baus des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz vollzog sich im Prinzip genau so wie bei ganz normalen Bauarbeiten . Architekten und Bauingenieure zeichneten Pläne in einem bestimmten Maßstab, legten Abstände zwischen Baracken fest, bestimmten deren Grundfläche, deren Grundriss und die Höhe der Gebäude . Sie berechneten die Statik, die Tragkraft der Stützbalken, den Neigungswinkel des Dachs. Mit akkuraten Strichen zeichneten sie die Frontalansicht, den Quer- und Längsschnitt der Krematorien, deren Funktionsweise von der SS entwickelt und festgelegt wurde. Die Pläne wurden professionell beschriftet. In einer Legende wurde den Gebäuden jedes Plans in einer sachlichen und nüchternen Sprache ihre funktionale Bedeutung zugewiesen. Auf dem Querschnitt des Plans des Krematoriums in Auschwitz-Birkenau , der bereits 1941 erstellt wurde, ist im linken Keller die Beschriftung „länger auf anfallenden Bedarf“ zu sehen. In diesem Keller mussten sich die Häftlinge, die zur Vergasung selektiert waren, nackt ausziehen, bevor sie in den Gaskammern eingeschlossen wurden. Der Bauplan beinhaltete bereits die Option, diese Keller zu vergrößern, falls deren Fassungsvermögen nicht mehr ausreichen sollte. An diesem Beispiel lässt sich der einleitende Satz von Victor Klemperer diskutieren.

Die Bauarbeiten, die von Häftlingen ausgeführt werden mussten, waren bereits Teil der von den Nazis intendierten Entmenschlichung. Während der Errichtung des Lagers starben viele Häftlinge an den katastrophalen Arbeitsbedingungen. Der polnische Gefangene Alfred Czesław Przybylski erinnert sich:

„Im Laufe der Grabungsarbeiten und des Baus der Fundamente arbeiteten die Gefangenen im Herbst, im Winter und bei eisigen Bedingungen im Wasser, das ihnen bis zur Gürtellinie reichte.
Weibliche Gefangene des Frauenlagers Birkenau arbeiteten unter den selben Bedingungen. Ich bin ganz sicher, dass die Wahl des Baugeländes – auf feuchtem Untergrund, obwohl es möglich gewesen wäre, auf trockenem und für den Bau geeigneteren Untergrund zu bauen – die von Fachmännern getroffen wurde ... dazu bestimmt war, die Gefangenen, die mit dem Bau beschäftigt waren sowie die Gefangenen, die in diesen Gebäuden untergebracht wurden, zu vernichten.“
[3]

Für die Häftlinge im Lager bekamen die Gebäude eine spürbar andere Bedeutung, die sich aus den Plänen nicht herauslesen lässt und die durch die Sprache der Pläne verschleiert wird. Die Baracken waren mehr als ein Gebäude, das für 550 später 744 Menschen geplant war. Die Baracken waren überfüllte Räume, in denen unhygienische Zustände herrschten, sich Krankheiten ausbreiteten, in denen die Menschen vor Hunger, Durst, Kälte oder Schmerzen oft nicht schlafen konnten, in denen Menschen an den Bedingungen des Lagers starben. Die Baracken wurden nicht oder nur unzureichend beheizt, so dass die Bedingungen im Winter noch schwieriger waren. Der jüdische Schriftsteller Roman Frister beschreibt:

„Die Jahreszeiten wechselten gemäß der Logik der Natur und erinnerten uns alle an die Existenz unveränderlicher Gesetze: der Sommer starb, und der Herbst verendete, der Winter brach in unser Leben ein und schlug uns mit der Peitsche des Frosts. Im Gegensatz zur Fabrik, in der angenehme Wärme herrschte, wurden die Baracken im Lager niemals geheizt - die Öfen in ihnen dienten als Tischersatz. Nach den Abendappellen, die sich endlos hinzogen, oder genauer gesagt, bis die Deutschen genug davon hatten, gab es keinen Ort, an dem wir uns hätten aufwärmen können. Wir schliefen, ohne uns auszuziehen, manchmal sogar ohne die Schuhe abzulegen. Die Nächte brachten Leid mit sich, aber am schwersten war für mich der Moment des Erwachens. Er verlangte mir eine Entscheidung ab. Um fünf Uhr früh, wenn uns die Pfeife des Blockältesten weckte, musste ich entscheiden, jedesmal von neuem, ob ich kämpfen oder aufgeben würde.“[4]

Die Barackenblöcke waren – wie teilweise auf den Plänen ersichtlich – durchnummeriert. Manche hatten spezielle Funktionen. So zum Beispiel Block 25, der Todesblock. Dort wurden die Menschen hingebracht, die zur Vergasung selektiert waren. Nackt wurden sie dort zusammengepfercht und mussten darauf warten, auf Lastwagen geladen und in die Gaskammern gefahren zu werden.
Erna de Vries, die als Jüdin verfolgt und nach Auschwitz deportiert wurde, war im Herbst 1943 zur Vergasung selektiert worden. Unmittelbar vor dem Gang zur Gaskammer wurde sie von einem SS-Soldaten aus dem Todesblock geholt. Sie war für einen Transport nach Ravensbrück vorgesehen, ihre Selektion war ein Fehler gewesen. An die Nacht im Todesblock erinnert sie sich:

„Ich wusste genau, was das heißt. Und wir wussten auch, dass am nächsten Tag Vergasung war. Das Ganze hat sich am späten Nachmittag abgespielt. Es war im September. (...) Ich hatte jedenfalls keinen Platz. Ich kriegte keinen Platz, der Block war überfüllt. Da waren bestimmt 600 Frauen, ich kann das nur schätzen. Und wir wussten genau, dass am nächsten Tag Vergasung war. Warum? Wir bekamen nichts mehr zu essen, damit der Block nicht verunreinigt wurde, denn wir durften nicht mehr zu den Latrinen. Im Block verteilt standen Blecheimer. Die ganze Nacht brannte das Licht. Und zwar war das so, man kann sich das so vorstellen: ein Block neben dem anderen. Dazwischen waren Innenhöfe, wie Atrien. Zwischen Block 25 und Block 26 war hinten eine ganz hohe Mauer, damit man nicht fliehen konnte, und vorne ein zweiflügliges Tor. Unten waren Latrinen. Fünf, sechs solcher Löcher, wo die Häftlinge sich entleeren konnten. Wir durften aber nicht mehr aus dem Block, nicht mehr zu diesen Latrinen. Da kann man sich vorstellen, wie der Block nachher aussah. Ich weiß auch nicht mehr, wie ich die Nacht verbracht habe. Ich konnte nicht mehr denken, ich habe weder an meine Mutter gedacht, ich weiß nicht, ich habe Angst gehabt. Ich habe mich unter eine Pritsche gekauert, es gab keinen Platz mehr. Ich weiß auch nicht, wie die Nacht vergangen ist. Am nächsten Morgen war Zählappell im Innenhof, wie jeden Morgen und jeden Abend. Wir wussten genau, was passieren sollte. Von Zeit zu Zeit ging das Tor auf, und andere Blocks haben ihre Toten da reingeworfen in den Innenhof. Das war dann sozusagen ein Aufwasch. Da konnten ihre Leichen auch gleich verbrannt werden. Das waren vielleicht fünf oder sechs Leichen. Nicht mehr. Die sind da abgelegt worden. Ob diese Menschen schon ganz tot waren, das weiß ich nicht. Jedenfalls waren sie in einem Zustand, dass man sie nicht mehr zu den Lebenden zählte.
Und dann ging das Flügeltor auf, und draußen fuhr ein Lastwagen davor. Der Stubendienst und die Blockälteste fingen an zu treiben und zu schlagen. Die Menschen drängten nach hinten. Wer geht schon freiwillig auf diese Wagen! (...) Ich habe mich auf die Erde gesetzt oder fallen gelassen, ich weiß es nicht. Ich habe gebetet. Ich habe gesagt: „Lieber Gott, ich möchte leben, aber wie du willst.“ Ich war keinen Moment verzweifelt. Ich konnte aber auch nicht mehr denken (...) Ich habe mich einfach auf die Erde fallen lassen. Und ich wurde umgerannt, mir wurde auf die Hände getreten, mein Kopf wurde angeschlagen. Ich weiß nicht, wie oft ich mich wieder aufgerafft habe. Und die Frauen haben sich die Brust zerkratzt, die Gesichter zerkratzt, die Köpfe angeschlagen. Es war schrecklich. Die reine Hölle, wirklich. Wenn man von der Hölle spricht, das war sie wirklich.“
[5]

Lagersprache

Das Leben in Auschwitz, vor allem in Auschwitz-Birkenau ist für uns heute sehr schwer vorstellbar. In seiner Zeugenaussage während des Eichmann-Prozesses sprach Yehiel Dinur, der unter dem Pseudonym K Zetnik als Schriftsteller bekannt wurde, von Auschwitz als einem anderen Planeten.[6] Vieles von dem was in der Shoah geschah war bis dahin präzedenzlos. Dafür gab es keine Wörter bzw. die Wörter, die es gab, beschrieben das Grauen nicht in adäquater Art und Weise. Die offizielle Lagersprache in Auschwitz war Deutsch. Um Überleben zu können, mussten die Häftlinge die SS-Befehle auf Deutsch verstehen, um richtig reagieren zu können und damit Strafen zu vermeiden. Jüdinnen und Juden aus Ländern in denen nicht deutsch oder jiddisch gesprochen wurde, hatten deswegen noch geringere Überlebenschancen.
Innerhalb des Lagers entwickelte sich eine sogenannte Lagersprache, die überwiegend auf den deutschen Begriffen der Nationalsozialisten basierte, jedoch von den Häftlingen vollkommen anders gedeutet wurde. Sie wurde von den Häftlingen mit unterschiedlichsten Muttersprachen verstanden. Aus diesem Grund wurde sie bereits während es Lagers als „Krematoriumsesperanto“[7] bezeichnet. Diese Sprache war ein Sondersprache,[8] die sich aus Begriffen aus dem Polnischen und dem Deutschen zusammensetze, in die aber auch Elemente anderer Sprachen eingewebt waren. Es handelte sich dabei um ein differenziertes Sprachsystem, das in verschiedenen Gebrauchssituationen eingesetzt wurde. So diente die Lagersprache in der Kommunikation unter den Häftlingen dazu, Sprachbarrieren zu überwinden. Sie fungierte aber auch als Tarnsprache gegenüber der SS, indem deutschen Wörtern andere Bedeutungen zugewiesen wurden. Unterhielten sich beispielsweise Häftlinge in einer Gruppe miteinander und einer sagte das deutsche Wort Achtzehn, so war allen klar, dass sich ein SS-Soldat näherte.[9]
Den Häftlingen war es wichtig, die deutschen Begriffe, die für sie Erniedrigung, Schikane, Leid und Tod brachten, auf Deutsch zu belassen, weil sie sie in ihrer eigenen Sprache in dieser Form nicht ausdrücken konnten oder ihre Sprache dafür nicht benutzen wollten. Ein Beispiel: Die Stube des Blockführers war im Prinzip die Wache für den jeweiligen Block. Wurde ein Häftling dorthin gerufen, musste er jedoch mit Prügeln, Strafen oder sogar mit dem Tod rechnen. Dieser Wachraum bedeutete also im Alltag der Häftlinge sehr viel mehr als mit dem Wort „Wache“ ausdrückbar gewesen wäre. Die polnischen Häftlinge nannten diesen Ort entsprechend blockführersztuba.[10] In Zeitzeugengesprächen und in literarischen Bearbeitungen ihrer Erlebnisse von Überlebenden werden diese Begriffe mit der Selbstverständlichkeit der Eingeweihten verwendet. Dies zeigt sich unter anderem in den Erzählungen von Tadeusz Borowski.[11]

Lagersprache und Topographie

Auch zur Benennung topographischer Elemente des Lagers nahmen die Häftlinge Begriffe in ihre Lagersprache auf. Einige Beispiele, wie polnische Häftlinge die Lagesprache geprägt haben, werden im Folgenden dargestellt:[12] Die Blöcke wurden bloki genannt, das Stammlagers stammlager, es gab aussenlagry und arbeitslagry. Das Frauenkonzentrationslager, das efkael genannt wurde, wurde ebenso wie die Außenlager mit einem elektrisch geladenen Zaun vom Stammlager getrennt. Dieser Zaun war an hohen Betonpfosten befestigt, die von den Häftlingen fajki (Pfeifen) genannt. In regelmäßigen Abständen standen Wachtürme in der Umzäunung, die von den Häftlingen mit verschiedenen Begriffen belegt wurden: Störche, Storchennester oder Kanzeln. Die Blöcke waren durchnummeriert, wurden von den Häftlingen aber mit den Namen der Blockältesten bezeichnet (beispielsweise blok Aloijza oder blok Bednarka). Mit sehr viel Angst waren der Block 11 im Stammlager, der Todesblock genannt wurde, und der Block 25 in Birkenau, die Todesbaracke (siehe hierzu die Erzählung von Erna de Vries oben) belegt. Muzykplac (Musikplatz) hieß ein Ort neben der Küche am Lagertor. Dort spielte das Häftlingsorchester, wenn die karawany (Karawanen) zur Arbeit das Lager verließen oder zurück kamen. Als wiza (Wiese) wurde in Birkenau der Platz zwischen den Baracken bezeichnet, der nur aus zertretenem Lehm bestand und auf dem kein Grashalm wuchs.

Die Leichen in Auschwitz wurden in den vier Krematorien oder auf Scheiterhaufen in Gruben verbrannt. Die Krematorien gingen als kremo in die Lagersprache ein. Die jüdischen Häftlinge, die dafür zuständig waren, die Toten zu verbrennen, wurden von der SS als Sonderkommando bezeichnet. Die Häftlinge übernahmen diesen Begriff und nannten sie das sonderkomanda. Die einzelnen Häftlinge des Sonderkommandos wurden als sonderowczy bezeichnet. Diese sonderowczy mussten die auf der rampa (Rampe) zur Vergasung selektierten Häftlinge auf die Vergasung vorbereiten und sie auf der himmelstrasse oder himmelautostrada begleiten, damit war der Hauptweg in Birkenau gemeint, der am Tor begann und bei den Krematorien endete. Das Tor wurde von den Häftlingen als Todestor bezeichnet.

Diskussionsvorschläge für Lerngruppen

  • Bedeutung von Orten und Gebäuden für Täter und Häftlinge
  • Sprache der Täter versus Sprache der Opfer
  • Grenzen von Sprache und Deutungsmöglichkeiten von Begriffen
  • Alltag im Vernichtungslager
3. Vrba-Wetzler Bericht

Allgemeine Skizze von Birkenau, einschließlich der vier Vernichtungsanlagen (deren korrekte Nummerierung II-V ist), aus dem Vrba-Wetzler-Bericht. Archiv Yad VashemAllgemeine Skizze von Birkenau, einschließlich der vier Vernichtungsanlagen (deren korrekte Nummerierung II-V ist), aus dem Vrba-Wetzler-Bericht
Archiv Yad Vashem

In der Ausstellung werden neben den Bauplänen der Nazis noch zwei Pläne gezeigt, die eine andere Perspektive darstellen, die der Häftlinge. Allgemeine Skizze des Hauptlagers und einer der das Lager umgebenden Wachtürme, aus dem Vrba-Wetzler-Bericht. Archiv Yad Vashem

Am 7. April 1944 gelang es den beiden jüdischen slowakischen Häftlingen Rudolf Vrba (Walter Rosenberg) und Alfred Wetzler, sich in einem noch unfertigen Teil des Lagers Birkenau zu verstecken und drei Tage später aus dem Lager zu fliehen. Nach ihrer Flucht gelangten sie über die slowakischen Grenze.[13] Sie verfassten einen Bericht über das, was sie in Auschwitz gesehen und erlebt hatten und was vor Ort noch in Planung war. Diese Darstellung wird mittlerweile als Auschwitz-Bericht oder Vrba-Wetzler-Bericht bezeichnet. Am 27. Mai 1944 gelang noch zwei weiteren jüdischen Häftlingen, Arnost Rosin und Czeslaw Mordowicz, die Flucht aus Auschwitz. Deren Erzählungen wurden in die zweite Fassung des Vrba-Wetzler-Bericht integriert.[14]

Der Auschwitz-Bericht[15] enthält Zeichnungen, die Rudolf Vrba und Alfred Wetzler von dem Lager Auschwitz Birkenau aus ihrer Erinnerung heraus anfertigten. In der ersten Zeichnung wird das Hauptlager, die sogenannte „Postenkette“ und die elektrische Umzäunung des Lagers, die man nur mit sehr geringen Überlebenschancen passieren konnte, skizziert. Die zweite Zeichnung zeigt die Krematorien und die Gaskammer, die von den beiden als „Bad“ bezeichnet wurde.

Der Bericht von Vrba und Wetzler wurde an verschiedene Gruppen und Insititutionen weitergereicht. Das geschah unter anderem in der Hoffnung, die Deportation der letzten großen jüdischen Gemeinde, der in Ungarn, zu verhindern. Der Bericht wurde an die Judenräte in der Slowakei, unter anderem Rabbi Weissmandel, sowie an das Internationale Rote Kreuz, den Vatikan, Repräsentanten der Jüdischen Organisationen in der Schweiz und Schweden und als Zusammenfassung an die britische und die amerikanische Regierung weitergeleitet.[16] Zusätzlich zu dem Bericht von Vrba und Wetzler bekam Weissmandel Informationen eines slowakischen Bahnbeamten darüber, dass die Deutschen Deportationen der Jüdinnen und Juden aus Ungarn vorbereiteten.[17] Daraufhin forderte er in einem Brief die Regierungen in der Schweiz, England und den USA auf, die Eisenbahnschienen nach Auschwitz zu bombardieren.[18]

Die Deportationen der Jüdinnen und Juden konnten trotzdem nicht verhindert werden. Allein zwischen dem 15.5. und 9.7.1944 wurden ca. 430.000 ungarische Jüdinnen und Juden vor allem in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort unmittelbar nach ihrer Ankunft vergast. Danach wurden die Deportationen zuallererst in Budapest und dann auch im Rest Ungarns eingestellt. Es ist nach wie vor umstritten, welche Bedeutung der Bericht von Vrba und Wetzler hinsichtlich der Einstellung der Deportationen hat. Yehuda Bauer schreibt dem Bericht durchaus eine beeinflussende Wirkung für die Einstellung der Deportationen zu.[19]

Diskussionsvorschläge für Lerngruppen

  • Intention des Berichts von Vrba und Wetzler
  • Wirkungen des Berichts
  • Verhalten der Aliierten

Weitere Literatur zu diesem Thema:

  • Jan Karski: Mein Bericht an die Welt. Geschichte eines Staates im Untergrund. München 2011.
    Jan Karski wurde 1914 in Lodz geboren und starb 2000 in Washington. Er war polnischer Offizier und Kurier im polnischen Widerstand. Hier können Sie zu diesem Thema zwei Auschnitte eines Interviews mit Jan Karski (auf englisch) sehen, der aus dem Film “Shoah” von Claude Lanzmann stammt.
  • Hier finden Sie eine Einführung in das Thema Lagersprache.
  • Inhalt Buch „Lagersprache“ von Nicole Warmbold
  • Hier finden Sie mehr über das Leben von Erna de Vries sowie einen Film und zusätzliches Hintergrundmaterial.
  • In der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau können Sie eine Sonderausstellung zu den weiteren Bauplänen des Lagers finden, in denen zu sehen ist, was weiter mit dem Lager geplant war. Ebenfalls gibt es eine Publikation mit dem Titel „Auschwitz-Birkenau. The place where you are standing...“, die zeigt, wie sich die Orte im Lager und in der Gedenkstätte unterscheiden. Es wurden Fotos aus dem Auschwitzalbum mit Fotos von heute kontrastiert.

Über Ihre Rückmeldungen würden wir uns freuen, bitte wenden Sie sich diesbezüglich an
germany.education@yadvashem.org.il.



[1] http://www.yadvashem.org/odot_pdf/Microsoft%20Word%20-%206240.pdf
[2] Victor Klemperer: LTI: Notizbuch eines Philologen. Leipzig 1991, S. 16.
[3] http://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/auschwitz_architecture/overview.asp
[4] http://www.yadvashem.org/yv/de/exhibitions/auschwitz_architecture/overview.asp
[5] Erna de Vries: Der Auftrag meiner Mutter. Berlin 2011, S. 47. ff.; über das Leben von Erna de Vries gibt es zudem einen Film und zusätzliches Hintergrundmaterial; http://www.projektzeitlupe.de/de/ernadevries/film/
[6] http://www.yadvashem.org/exhibitions/album_auschwitz/other/uniform.html
[7] Zenon Jagoda /Stanislaw Klodzinski /Jan Maslowski : „bauernfuss, goldzupa, himmelautostrada“. Zum Krematoriumsesperanto, der Sprache polnischer Häftlinge. In: Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Die Auschwitz-Hefte Band 2. Weinheim und Basel 1987, S. 241 - 260.
[8] Wolf Oschlies: Sprache in nationalsozialistischen Konzentrationslagern. http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/holocaust/konzentrationslager/230-sprache-in-nationalsozialistischen-konzentrationslager.html (letzter Abruf: 26.11.2012)
[9] Wolf Oschlies: Sprache in nationalsozialistischen Konzentrationslagern. http://www.zukunft-braucht-erinnerung.de/holocaust/konzentrationslager/230-sprache-in-nationalsozialistischen-konzentrationslager.html (letzter Abruf: 26.11.2012)
[10] Ibid.
[11] Eine sehr gute Sammlung hierzu stellen die Erzählungen „Die steinerne Welt“ dar: Tadeusz Borowski: Die Steinerne Welt. München 1963.
[12] Die Darstellung enstammt dem Aufsatz von Zenon Jagoda/Stanislaw Klodzinski/Jan Maslowski: „bauernfuss, goldzupa, himmelautostrada“. Zum Krematoriumsesperanto, der Sprache polnischer Häftlinge. In: Hamburger Institut für Sozialforschung (Hg.): Die Auschwitz-Hefte Band 2. Weinheim und Basel 1987, S. 244 f. und S. 254.
[13] Yehuda Bauer: Die dunkle Seite der Geschichte. Die Shoah in historischer Sicht. Interpretationen und Re-Interpretationen. 2001 Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, S. 278.
[14] Ibid, S. 279.
[15] Alfred Wetzler: Escape from Hell: The True Story of the Auschwitz Protocol. Berghahn Books 2007.
[16] Yehuda Bauer: A History of the Holcaust. 2001 New York, S. 352.
[17] Yehuda Bauer: Die dunkle Seite der Geschichte. Die Shoah in historischer Sicht. Interpretationen und Re-Interpretationen. 2001 Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, S. 281.
[18] Ibid, S. 283 f.
[19] Ibid, S.289.