Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Ausstellung Das Auschwitz-Album

Pädagogische Handreichungen für Lehrerinnen und Lehrer

Von Franziska Reiniger und Anna Stocker

Zielgruppe: ab 15 Jahren

Inhalt:


Einleitung zum Medium Fotografie

Fotografien spielen eine wichtige Rolle in kollektiven Erinnerungsprozessen. Wir erinnern uns vor allem an das, wovon Bilder existieren. Daher kommen Fotografien eine wichtige Rolle als historischen Quellen zu.
Durch Fotografien können komplexe Dinge direkt und ohne Worte ausgedrückt werden.
Sie halten einen Augenblick für alle Zeiten fest und erlauben den Betrachterinnen und Betrachtern dadurch einen direkten Zugang zu vergangenen Zeiten. Dieser festgehaltene Augenblick wird oft als objektive Realität oder Wahrheit wahrgenommen, da er durch ein neutrales technisches Medium – eine Kamera – aufgenommen wurde.
Allerdings reflektiert eine Fotografie nicht nur die Realität, sondern interpretiert sie auch. Wie andere historische Dokumente zeigen auch Fotografien einen Ausschnitt eines Geschehens – ein Bruchstück der Realität – der eine subjektive Perspektive der Fotografin oder des Fotografen darstellt. Somit ist ein Foto immer sowohl eine Ablichtung der Wirklichkeit als auch ihre Interpretation. Die Fotografin oder der Fotograf wählt das Motiv, die Zeit, den Blickwinkel, den thematischen Rahmen des Fotos und formuliert gegebenenfalls die Bildunterschriften. All diese Aspekte können zu unterschiedlichen Interpretationen führen und auf diese Weise Einfluss auf die Darstellung der historischen Realität nehmen.
Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, dass Fotografien ebenso kritisch untersucht werden, wie andere Quellen. Eine quellenkritische Bildanalyse sollte folgende Aspekte berücksichtigen:

  • Wer hat die Fotografien gemacht?
  • Aus welcher Perspektive sind die Fotografien aufgenommen wurden? Welche Kamerablicke werden auf die Szene geworfen?
  • Was ist der Zweck der Fotografien? Aus welchem Grund worden die Fotos gemacht?
  • Was kann den Bildunterschriften entnommen werden? Von wem und aus welcher Zeit stammen sie?
  • Wo und unter welchen Umständen wurden die Fotografien gefunden? In welchem Zusammenhang werden sie seit ihrer Entstehung verwendet?
  • Was ist auf den Fotografien erkennbar? Wer oder was ist wie dargestellt? (Symbolsprache der Fotografie)
  • Welche Aspekte eines Geschehens sind nicht dargestellt? Welche Aspekte fehlen in den Bildern?
  • In welchem historischen Kontext stehen die Fotografien?

Dazu finden Sie hier einen weiterführenden Artikel von Nina Springer-Aharoni.

Lilly Jacob

Die achtzehnjährige Lilly Jacob wurde im Frühling 1944 zusammen mit ihrer Familie und der Mehrheit der ungarischen Jüdinnen und Juden aus ihrer Heimatstadt nach Auschwitz deportiert. Auf der „Rampe“ in Auschwitz wurde sie brutal von ihren Eltern und ihren jüngeren Brüdern getrennt; keinen von ihnen sah sie je wieder. Lilly hatte Glück und überlebte. Sie wurde im KZ Dora befreit. Aber nicht immer betrachtete sie es als einen Segen, ganz allein überlebt zu haben, herausgerissen aus ihrer Lebenswelt, ihrer Freunde und Familie beraubt.
Im Gegensatz zu allen anderen Überlebenden war ihr ein kleines Wunder vergönnt: Am Tag ihrer Befreiung fand sie im Konzentrationslager Dora in den verlassenen Räumen der Lagerverwaltung ein Fotoalbum. Unter anderem enthielt es Bilder ihrer Familie und Freunde, als diese auf der Rampe ahnungslos ihren Tod erwarteten. Lilly nahm das Album an sich.
Nach dem Krieg heiratete Lilly Max Zelmanovic, einen Bekannten aus der Vorkriegszeit. Der Verkauf von Glasplattenfotografien aus dem Album an das jüdische Museum in Prag ermöglichte es dem Paar, mit seiner erstgeborenen Tochter Esther in die Vereinigten Staaten auszuwandern. Lilly und Max ließen sich in Miami nieder und gründeten eine Familie, doch das Album spielte weiterhin eine zentrale Rolle in ihrem Leben. Überlebende verbreiteten die Geschichte von dem einzigartigen Album im Besitz einer Kellnerin in Miami, und manche durchquerten das ganze Land, um sie aufzusuchen, in der verzweifelten Hoffnung, Fotos ihrer verlorenen Familien zu finden. Keine Woche verging, ohne dass Lilly Fremde nach Hause brachte, die nicht wirklich Fremde waren und die Bilder von Verwandten suchten und weinten.
In den seltenen Fällen, in denen jemand ein Familienmitglied identifizierte, gab Lilly ihnen das Bild. Da die meisten Jüdinnen und Juden ermordet worden waren, ohne Nachkommen zu hinterlassen, erhob auf die meisten Fotos niemand Anspruch.
1980 überzeugte Serge Klarsfeld Lilly, das Album Yad Vashem zur Verwahrung zu überlassen.
Am 17. Dezember 1999 starb Lilly Zelmanovic.

Das Auschwitz Album

Das Auschwitz-Album ist das einzige erhaltene fotografische Zeugnis für den Ablauf des Massenmords in Auschwitz-Birkenau. Das einzigartige Dokument wurde Yad Vashem von Lilly Jacob-Zelmanovic Meier überlassen.

Die Fotos wurden Ende Mai oder Anfang Juni 1944 von Ernst Hofmann oder Bernhard Walter aufgenommen, zwei SS-Männern, deren Aufgabe es war, Erkennungsfotos von den Gefangenen (außer von den Jüdinnen und Juden, die direkt in die Gaskammern geschickt wurden) anzufertigen und ihnen Fingerabdrücke abzunehmen. Die Fotos zeigen die Ankunft ungarischer Jüdinnen und Juden aus der Karpato-Ukraine. Viele von ihnen kamen aus dem Ghetto Berehovo, das ein Sammelpunkt für Jüdinnen und Juden aus mehreren anderen kleinen Städten war.

Im Frühsommer 1944 erreichte die Deportation der ungarischen Jüdinnen und Juden ihren Höhepunkt. Zu diesem Zweck wurde eine eigene Bahnstrecke vom Bahnhof außerhalb bis zu einer Rampe innerhalb des Lagers Auschwitz-Birkenau angelegt. Viele der Fotos in dem Album wurden auf der Rampe aufgenommen. Nach der Ankunft wurden die Jüdinnen und Juden einem Selektionsprozess unterzogen, der von SS-Ärzten und Aufsehern durchgeführt wurde. Diejenigen, die für arbeitsfähig befunden wurden, schickte man ins Lager, wo sie registriert und auf die Baracken aufgeteilt wurden. Die anderen wurden in die Gaskammern geschickt. Sie wurden unter dem Vorwand einer harmlosen Dusche vergast, ihre Körper verbrannt und die Asche in einem nahegelegenen Sumpf verstreut. Die Nationalsozialisten beuteten nicht nur die Arbeitskraft derer aus, die sie nicht nicht sofort töteten, sie plünderten auch die Habseligkeiten, die die Jüdinnen und Juden mit sich brachten. Sogar Goldfüllungen wurden von dem sogenannten Sonderkommando, bestehend aus Gefangenen, aus den Mündern der Toten entfernt. Das persönliche Eigentum der Neuankömmlinge wurde von einem Gefangenen-Kommando sortiert und gelagert, dieses Kommando wurde von den Gefangenen als „Kanada“ bezeichnet, da hier bisweilen die Gelegenheit bestand, an Dinge oder Nahrungsmittel zu gelangen, die in der Regel für die Häftlinge unerreichbar waren. Die Fotos im Album zeigen den gesamten Ablauf – von der Ankunft der Häftlinge bis zu den letzten Augenblicken vor ihrer Ermordung – bis auf das Töten selbst.

Der Zweck des Albums ist unklar. Es war nicht für Propagandazwecke vorgesehen, noch hat es irgendeinen erkennbaren persönlichen Verwendungszweck. Es wird vermutet, dass es zu offiziellen Zwecken für eine höhere Behörde angelegt wurde, wie es bei Fotoalben aus anderen Konzentrationslagern der Fall war.

Lilly Jacob hat das Album nie verborgen, und es wurde vielfach von seiner Existenz berichtet. In den 60er Jahren wurde sie sogar dazu aufgerufen, das Album als Beweismaterial bei den Auschwitz-Prozessen in Frankfurt zu präsentieren. Sie bewahrte es über die Jahre hin auf, bis sie das Album 1980 Yad Vashem anzuvertraute.

1994 wurde das Album in Yad Vashems Konservierungslabor restauriert, und Angaben über jedes einzelne Foto wurden in die computerisierte Datenbank des Archivs eingegeben. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Archivs gelang es, die Bilder mit Luftaufnahmen, die die US-Luftwaffe bei mehreren Gelegenheiten 1944-45 angefertigt hatte, zu vergleichen und sie ihnen zuzuordnen. 1999 wurde das Album mit den hochwertigsten digitalen Geräten gescannt.

Das Album umfasst 56 Seiten und 193 Fotos. Einige der Originalaufnahmen, wahrscheinlich jene, die Lilly Überlebenden gab, die Verwandte auf den Fotos identifiziert hatten, fehlen. Eines dieser Bilder wurde Yad Vashem vor kurzer Zeit als Geschenk überlassen.

Arbeitsvorschläge für Lerngruppen

Die Fotografien des Auschwitz Albums sind von großer Bedeutung als Beweisstücke für die NS-Verbrechen, als Informationsquelle und als letzte Spuren von Familien. Sie sind jedoch nur ein Ausschnitt aus der Täterperspektive dessen, was Auschwitz war und für die dort Inhaftierten bedeutete. Im Klassenverband empfiehlt es sich, die Vielzahl und Unterschiedlichkeit der Perspektiven mit den Schülerinnen und Schülern zu bearbeiten.

  1. Die Perspektive der Fotografen
    • Wer hat die Aufnahmen des Auschwitz Albums gemacht? Was könnten die Gründe dafür gewesen sein?
    • Was hat der Fotograf fotografiert und was hat er ausgelassen?
    • Was kann aus den Fotos über den Holocaust gelernt werden?
  2. Die Realität der abgebildeten Personen
    • Warum wurde das Album zu einem Familienfotoalbum für Lilly Jacob?
    • Was passierte mit Lillys Familie? Ist das den Fotos zu entnehmen?

Von der Deportation bis zur Vernichtung in Auschwitz-Birkenau

  1. Auf dem Weg nach Auschwitz-Birkenau
  2. Ankunft
  3. Der Selektionsprozess
  4. Verwandlung in einen Häftling
  5. Kanada Kommando
  6. Der letzte Weg: Zu den Gaskammern

Um den Täter-Fotografien die Perspektive von Überlebenden des Holocaust entgegen zu setzen, werden diese im Folgenden mit Zeugenaussagen und anderen schriftlichen Dokumenten von Opfern verbunden. Diese Dokumente sind Auszüge aus dem pädagogischen Begleitheft zum Auschwitz Album: The Auschwitz Album. A Curriculum for High Schools, Yad Vashem, Jerusalem 2009.[1]

1. Auf dem Weg nach Auschwitz-Birkenau

Hier können die Fotografien der Jüdinnen und Juden bei ihrer Ankunft in Auschwitz-Birkenau am 26. Mai 1944 betrachtet werden.

Frauen und Kinder auf dem Ankunftsbahnsteig in Birkenau, der als „Rampe“ bekannt ist. Die Juden wurden aus den Deportationszügen auf die Rampe geholt, wo sie einem Selektionsprozess unterzogen wurden – manche wurden sofort in den Tod geschickt, andere zur Zwangsarbeit eingesetzt.

Zum Tod selektierte ältere Männer und Frauen warten auf der Rampe, bevor sie in die Gaskammer gebracht werden. In Birkenau wurden ältere Menschen fast sofort ins Gas geschickt, da man sie als „arbeitsunfähig“ einstufte.

Letzte Briefe:

Die folgende Notiz wurde abgeworfen aus einem Transportzug ins Vernichtungslager Auschwitz. Sie wurde von einem Juden, dessen Identität nicht bekannt ist, an seine Familie, die noch im Warschauer Ghetto lebte, geschrieben:

Plonsk, den 16. Dezember 1942
Bitte diesen Zettel in den nächsten Briefkasten werfen. Jetzt ist es frühmorgens. Wir sind in einem Waggon, mit der ganzen Familie. Wir fahren mit dem letzten Transport. Plonsk ist judenrein. Bitte bei der Familie Bem, Niska 6, anklopfen und Grüße ausrichten.
Euer,

Dieser Brief wurde abgeworfen von einem Zug, der eine Gruppe von Jüdinnen und Juden nach Auschwitz transportierte. Er wurde von einem Juden namens David an seine Familie im Warschauer Ghetto geschrieben:

Legionowo, den [16. Dezember] 1942
Zuzahlung 18 Gr. (Legionow)
Warschau/Nalbeki [Straße] 47/ 19
Mit der höflichen Bitte, einzuwerfen.
Heute sind wir aus Plonsk fort, unsere gesamte Familie, und alle Juden sind gefahren. Ihr sollt wissen, dass wir zur Hochzeit fahren.*
Auf Wiedersehen,
David

*Das bedeutete: zur Vernichtung. Um die deutsche Zensur zu umgehen, benutzten Jüdinnen und Juden bestimmte Wörter und Ausdrücke, manchmal in Jiddisch oder Hebräisch, um ihre Aussagen zu verschlüsseln.[2]

Zeitzeugenberichte:

Cecilie Klein-Pollack
Sie wurde im Jahr 1925 in Jasina, Tschechoslowakei (einer Region, die damals unter ungarischer Herrschaft war) geboren. Sie war in dem gleichen Transport wie Lilly Jacob. Von Auschwitz aus wurde sie in das Konzentrationslager Holleischen im Sudetenland deportiert und dann dort von der britischen Armee befreit. Sie heiratete im August 1945 und hat drei Kinder. Sie lebt heute in den USA.

„Wir waren mindestens 80 Leute im Waggon. Dieser war für Vieh gedacht. Es war kein normaler Zug. Es war ein Viehzug, wo man fast erstickte. […] Und wir kamen... Da waren Eimer für… für die Notdurft. Und sie … sie hielten ein paar mal ... Mein Schwager war bei uns, wissen Sie, meine Schwester, mein Schwager und ihr kleiner Junge Danny und meine Mutter und ich. Wir waren alle zusammen in dem Zug, weil meine Schwester schon aus Jasina abgeholt worden war, war sie also nicht mit uns zusammen. [….] Und als der Zug endlich anhielt, öffneten sie die Tür; und sie befahlen meinem Schwager, die Kübel rauszunehmen, die Kübel rauszuschmeißen und Wasser zu bringen. Im gleichen Kübel brachten sie Wasser und wir mussten dieses Wasser trinken. […] Und sie warnten ihn, wenn irgendjemand flieht, dann würden wir alle erschossen werden. […] Und meine Mutter war… wir versuchten so nah wie möglich zusammenzusein und uns zu umarmen und ... und unsere letzten… wir wussten nicht, wohin wir fuhren, wir erwarteten allerdings nicht, dass wir umgebracht werden, weil ich wusste... unser Verstand konnte nicht begreifen, dass irgendjemand kleine Kinder umbringen würde.“[3]


Livia Lieberman
Sie wurde im Jahr 1922 in in Oradea, Transsilvanien geboren. Nachdem sie monatelang im Ghetto von der ungarischen Polizei gefoltert worden war, wurde sie im Mai 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

„Sie verluden 70 bis 75 Leute in einen kleinen Waggon, in der starken Hitze ohne einen Tropfen Wasser. Die Fenster waren geschlossen, die Waggons verschlossen. Die Züge bewegten sich langsam, die Fahrt dauerte ewig. Für diejenigen, die in den Todeskäfigen eingesperrt waren, schien es, als würde die Folter nie enden. Keiner der ungarischen Wachmänner zeigte auch nur den geringsten Anschein von Mitleid oder von Verlangen uns zu helfen. Ganz im Gegenteil, wann immer es ihnen möglich war, fügten sie uns weitere Qualen zu. Diejenigen, die wegen des Mangels an Luft am Ersticken waren, bettelten sie an, die Fenster für einige Minuten zu öffnen. Diese antisemitischen Polizisten taten dies nur, wenn man sie bestach – eine Golduhr für fünf Minuten Luft zum Atmen. Man konnte Schreie hören von Menschen, die in den Wagons erstickten und wegen Mangel an Luft und Wasser umkamen. Kleine Kinder schrien vor Hunger, Durst und aus Mangel an Luft. Diese fürchterliche Reise in das Land des Todes zum Krematorium nach Auschwitz dauerte vier Tage.“[4]


Eliasz Skoszylas
Sie wurde im Jahr 1916 in Szemeisieza geboren. Sie wurde 1943 vom Ghetto Bedzin nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Von dort aus kam sie in das Nebenlager Gintergrube. In den letzten Wochen des Krieges leistete sie Zwangsarbeit und musste Verteidigungsgraben um Grietenberg ausheben.

„Es ist unmöglich, die Katastrophe zu beschreiben, die sich damals abspielte. Es herrschte ein unbeschreibliches Chaos. Sie trieben uns wie Vieh und beschimpften und schrien uns gleichzeitig an. Das Stöhnen derjenigen, die niedergetrampelt wurden, vermischte sich mit den Schreien von Kindern und dem Weinen von Müttern.
Zu unserem Schrecken jedoch machte das Jammern keinerlei Eindruck auf das Gewissen dieser Biester in Männerkleidung. Sie waren vollkommen gefühllos, während sie diesen mörderischen Prozess abwickelten. Sie warfen uns in die Waggons, als wären wir ein Bündel von Lumpen. Ohne Essen, dem furchtbaren Gestank ausgesetzt und ohne Luft zum Atmen, wurden wir gezerrt, durstig und hilflos. Es schien so, als würde diese Reise nie enden.“
[5]


Imre Kertesz
Imre Kertesz wurde 1922 in Budapest, Ungarn, geboren. Er wuchs in einer kleinbürgerlichen Familie auf. Im Jahr 1944 wurde er als Fünfzehnjähriger nach Auschwitz deportiert und von dort aus drei Tage später nach Buchenwald. Nach dem Krieg wurde er Schriftsteller und arbeitete als Journalist und Übersetzer von deutscher Literatur und Philosophie. Im Jahr 2002 erhielt Kertesz den Nobelpreis für Literatur.

„Die Morgenfrühe draußen war kühl und wohlriechend, über den weiten Feldern graue Nebelschwaden, dann kam plötzlich, gleichsam wie ein Trompetenstoß, von hinten ein scharfer, dünner roter Strahl hervor, und ich begriff: ich sah die Sonne aufgehen. Es war schön und im großen und ganzen interessant: zu Hause schlief ich um diese Zeit immer noch. Ich nahm dann noch ein Gebäude wahr, eine gottverlassene Station oder vielleicht den Vorboten eines größeren Bahnhofs, gleich links von mir. Es war winzig, grau und noch völlig menschenleer, mit geschlossenen kleinen Fenstern und mit dem lächerlich steilen Dach, wie ich es in dieser Gegend schon am Vortag gesehen hatte: vor meinen Augen verfestigte es sich im nebligen Dämmerlicht zunächst zu einem wirklichen Umriss, das Grau ging in Violett über, und gleichzeitig blitzten die Fenster rötlich auf, als die ersten Strahlen darauf fielen. Andere hatten das Gebäude gleichfalls wahrgenommen, und auch ich sagte etwas darüber zu den Neugierigen hinter mir. Sie fragten, ob ich nicht auch einen Ortsnamen dran ausmachen könne. Das konnte ich, und zwar gleich zwei Wörter, im Frühlicht, an der schmalen, unserer Fahrtrichtung entgegengesetzten Seite des Gebäudes, auf dem obersten Teil der Wand: ‚Auschwitz-Birkenau’ stand dort, in der spitzen, schnörkeligen Schrift der Deutschen, verbunden durch ihren doppelt gewellten Bindestrich. Aber was mich betrifft, so versuchte ich vergeblich, in meinen Geographie-Kenntnissen nachzuforschen, und auch andere haben sich nicht als kundiger erwiesen.“[6]


Primo Levi
Er wurde im Jahr 1919 in Torino, Italien geboren. Im Januar 1944 wurde er im Alter von 24 Jahren von der Italienischen Faschistischen Miliz verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Am 27. Januar 1945 kehrte er nach der Befreiung des Lagers nach Italien zurück. Er ist Autor vieler bekannter Bücher über Auschwitz, unter ihnen auch „Ist das ein Mensch?“. 1987 kam er unter ungeklärten Umständen ums Leben.

„Die Waggontüren waren sofort geschlossen worden, doch erst abends setzte sich der Zug in Bewegung. Unseren Bestimmungsort hatten wir mit Erleichterung vernommen. Auschwitz. Damals für uns ein Name ohne Bedeutung; aber er musste immerhin einem Ort dieser Erde angehören. [...]
Durch die Luke bekannte und unbekannte Namen österreichischer Städte, Salzburg und Wien, dann tschechische, schließlich polnische Namen. Am Abend des vierten Tages wurde es empfindlich kalt. Der Zug fuhr durch endlose schwarze Fichtenwälder, es ging merklich aufwärts. Der Schnee lag hoch. [...] Während der Aufenthalte unternahm keiner mehr den Versuch, mit der Außenwelt in Verbindung zu treten: Wir fühlten uns nun ‚auf der anderen Seite’.
[7]


Arbeitsvorschläge für Lerngruppen

  • Wie werden die Zustände in den Transportwagons in den Zeitzeugenberichten beschrieben?
  • Welches Wissen haben die Deportierten bezüglich ihres Zielortes?
  • Welche unterschiedlichen Verhaltensweisen von Personen (Deportierten, Außenstehenden) werden beschrieben?


2. Ankunft in Auschwitz-Birkenau

Hier finden Sie die Fotografien der Jüdinnen und Juden bei ihrer Ankunft in Auschwitz-Birkenau am 26. Mai 1944.

Frauen und Kinder auf dem Ankunftsbahnsteig in Birkenau, der als „Rampe“ bekannt ist. Die Juden wurden aus den Deportationszügen auf die Rampe geholt, wo sie einem Selektionsprozess unterzogen wurden – manche wurden sofort in den Tod geschickt, andere zur Zwangsarbeit eingesetzt.
Frauen und Kinder auf dem Ankunftsbahnsteig in Birkenau, der als „Rampe“ bekannt ist. Die Juden wurden aus den Deportationszügen auf die Rampe geholt, wo sie einem Selektionsprozess unterzogen wurden – manche wurden sofort in den Tod geschickt, andere zur Zwangsarbeit eingesetzt.
Frauen und Kinder auf dem Ankunftsbahnsteig in Birkenau, der als „Rampe“ bekannt ist. Die Juden wurden aus den Deportationszügen auf die Rampe geholt, wo sie einem Selektionsprozess unterzogen wurden – manche wurden sofort in den Tod geschickt, andere zur Zwangsarbeit eingesetzt.
Juden bei der Ankunft im Lager, vor dem Selektionsprozess. Massenszenen wie diese waren ein fast alltäglicher Vorgang im Sommer 1944, als die Vernichtung der ungarischen Juden auf ihrem Höhepunkt stand. Im Hintergrund ist Krematorium II zu sehen, in das viele der Juden nach der Selektion geschickt wurden, um getötet zu werden.
Frauen und Kinder auf dem Ankunftsbahnsteig in Birkenau, der als „Rampe“ bekannt ist. Die Juden wurden aus den Deportationszügen auf die Rampe geholt, wo sie einem Selektionsprozess unterzogen wurden – manche wurden sofort in den Tod geschickt, andere zur Zwangsarbeit eingesetzt.

Cecilie Klein-Pollack

„Und wir kamen in Auschwitz an. Sobald sie die Türen geöffnet hatten, kamen Häftlinge in gestreifter Kleidung in den Zug, und sie begannen zu schreien, dass wir alles da lassen und aussteigen sollten – wir alle müssen raus und alles im Zug lassen. Mein Schwager hatte durch irgendein Wunder noch eine Armbanduhr. Also hat er – wissen Sie, er fragte sie zunächst: ‚Sagen Sie mir was hier los ist.’ Und von draußen hörten wir eine Menge Geschrei und Rufen auf, auf deutsch. [...] Meine Schwester – sobald sie die Tür öffneten, rannte sie mit ihrem kleinen Jungen hinaus; weil Danny so geweint hat und es war zum Ersticken in, in dem Zug es war schrecklich, schreckliche Reise. Leute sind in Ohnmacht gefallen. Wir benutzten Riechsalz, um Leute wiederzubeleben. Es war unglaublich, allein diese Reise zu beschreiben, also waren wir schon ziemlich froh, als wir ankamen, bei der Ankunft. Wir dachten ‚dies ist, dies ist – wenigstens kann es nicht schlimmer sein, als das was wir bereits durchgemacht haben’.[8]


Helena Cytron (nach dem Krieg: Ziporah Tahori)
Helena Cytron wurde im Jahr 1922 in der Tschechoslowakei geboren. Im Frühling 1942, als sie zwanzig Jahre alt war, wurde sie mit einem der ersten Transporte aus der Slowakei nach Auschwitz deportiert. Während der Zeit im Lager arbeitete sie in verschiedenen Zwangsarbeitsgruppen, darunter auch im „Kanadakommando.“ Wegen dieser Arbeit gelang es ihr, ihrer Schwester Shoshana das Leben zu retten. Im Jahr 1945 wurde sie auf mehrere Todesmärsche geschickt, und nach der Befreiung emigrierten sie und ihre Schwester nach Israel. Helena Cytron bekam zwei Kinder und lebte in Tel Aviv bis zu ihrem Tod im Jahr 2006.

„In dem Moment, als wir in Auschwitz ankamen, begann das schreckliche Geschrei: ‚Alles Raus!’ (Original auf deutsch) ‚Beeilung!’ Alles geschah sehr schnell, begleitet von Geschrei, und kaum hatten wir uns zusammen gesammelt, und konnten endlich wieder auf unseren Füßen stehen (denn unsere Füße waren schon gelähmt vom vielen Sitzen), begannen die Schläge. Bereits als wir an der Tür des Wagens waren, wurde jeder, der nicht schnell genug heraussprang, gepeitscht, und es gab SS-Personal und Hunde. Sobald wir aus dem Zug heraus waren, forderten sie uns auf [den Rest] unserer Schmuckstücke an den Straßenrand zu werfen – alles was die Menschen noch hatten: Kleine Ohrringe, Armbanduhr – denn sie hatten unseren wertvolleren Schmuck schon lange Zeit zuvor genommen.“[9]


Batya Druckmacher
Sie wurde im Jahr 1914 in in Lodz geboren. Vor dem Krieg war sie Hausfrau, im Ghetto Lodz arbeitete sie als Kindermädchen. Im August 1944 wurde sie nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Als der Krieg zu Ende war, hatte sie Auschwitz, Bergen-Belsen, Zwangsarbeitslager in Deutschland sowie das Konzentrationslager Dachau überlebt.

„1944 [im August, Anm.d.Ü.] wurden alle Juden des Ghettos nach Auschwitz geschickt. Wir kamen dort spät in der Nacht an und saßen in den Güterwaggons bis sechs Uhr in der Früh. Aus der Ferne sahen wir, wie barfüßige und kahlgeschorene Männer zur Arbeit geführt wurden. Diese Männer bettelten uns an, ihnen ein Stück Brot zuzuwerfen, denn eines Tages würden wir genau wie sie sein. Dann brach unter ihnen die Panik aus. Manche begannen zu weinen und die deutschen Kapos, die die Männer führten, schlugen ihnen mit Stöcken auf die Fußsohlen. Wir warfen ihnen Brot zu, ohne auf die Kapos zu achten, die – von ihren Hunden begleitet – vorbeimarschierten.“[10]


Feige Sauberman
Sie wurde im Jahr 1922 in in Klementow, Polen, geboren. Sie wurde aus einem Zwangsarbeitslager der BMW-Werke in München nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Von Auschwitz aus wurde sie nach Bergen-Belsen und in drei weitere Lager geschickt, bevor sie befreit wurde.

„Am 18. Mai 1944 kamen wir in Auschwitz an. Es war Nacht. Trotz der Torturen und der Verzweiflung war ein jeder von uns neugierig auf unser Schicksal. Unsere einzige Informationsquelle waren aber die SS-Männer, die uns nach Auschwitz begleiteten. Sie gaben uns nur ausweichende Antworten auf unsere Fragen. Als wir die großen Flammen in Auschwitz sahen, fragten wir sie, ob es sich hier um eine Fabrik handelt. Sie antworteten uns mit einem zynischen Lachen und erklärten, dass dies die Küche sei, wo sie Kaffee für die Arbeiter kochten. Als wir den Flammen näher kamen, verstanden wir aber sofort, um welch eine Art von Küche es sich handelte.“[11]


Imre Kertesz

„Das nächste Mal bin ich erwacht, weil da eine Aufregung, eine Geschäftigkeit war. Draußen brannte jetzt schon eine strahlende Sonne hernieder. Und auch der Zug bewegte sich wieder. Ich fragte die Jungen, wo wir seien, und sie sagten, immer noch da, wir seien gerade erst wieder angefahren: anscheinend hatte mich diesmal also das Anrucken geweckt. Aber es sei kein Zweifel – fügten sie hinzu – vor uns befänden sich Fabriken und irgendwelche Siedlungen. Gleich darauf haben die am Fenster Stehenden gemeldet – was auch ich am schnellen Wechsel des Lichts merken konnte –, dass wir unter einem torartigen Bogen hindurchglitten. Und wieder gleich darauf ist der Zug stehengeblieben, und da haben sie äußerst aufgeregt gemeldet, dass sie einen Bahnhof, Soldaten, Menschen sähen. Viele haben gleich angefangen, ihre Sachen zusammenzusuchen, sich die Kleider zurechtzuzupfen, einige, vor allem die Frauen, begannen sich schlecht und recht zu säubern, sich schönzumachen, sich zu kämmen. Von draußen hingegen vernahm ich näher kommende Schläge, das Gerassel von Türen, den einförmigen Lärm, mit dem sich Fahrgäste aus dem Zug drängen, und da habe ich mir sagen müssen, kein Zweifel, wir sind tatsächlich am Ziel. Ich freute mich natürlich, aber, so fühlte ich, anders als ich mich, sagen wir, noch gestern oder eher noch vorgestern gefreut hätte. Dann war auch an unserer Wagentür das Schlagen eines Werkzeugs zu hören, und die schwere Tür wurde von jemandem, oder eher mehreren, aufgeschoben. Als erstes hörte ich ihre Stimmen. Sie sprachen deutsch, oder in einer sehr ähnlichen Sprache, und zwar, so klang es, alle gleichzeitig. Soweit ich es verstanden habe, wollten sie, dass wir aussteigen. Doch offenbar zwängten sie sich statt dessen selbst in den Wagen; vorläufig konnte ich aber noch nichts sehen. Doch schon ging die Nachricht herum, dass die Koffer und Pakete hier bleiben sollten. Später – so wurde erklärt, übersetzt und von Mund zu Mund weitergegeben – würden alle ihr Eigentum selbstverständlich zurückerhalten. [...] Dann erst kamen die hier ansässigen Leute in dem Gedränge näher, und ich konnte sie sehen. Ich war ziemlich überrascht, denn schließlich sah ich zum erstenmal in meinem Leben – zumindest aus solcher Nähe – echte Sträflinge, im gestreiften Anzug, mit dem kahlgeschorenen Kopf, der runden Mütze der Straftäter.“[12]


Die vorherigen Berichte stammen von Menschen, die mit den Transporten ins Lager kamen. Der folgende Zeugenbericht beschreibt eine andere Perspektive, nämlich die eines Menschen, der bereits im Lager war und die Transporte ankommen sah.


Tadeusz Borowski
Tadeusz Borowski wurde 1922 in Schytomyr in der damaligen Sowjetunion (heute Ukraine) geboren. Er studierte Polonistik in Warschau und war dort auch im Untergrund aktiv. Als Widerstandskämpfer wurde er 1943 verhaftet und nach Auschwitz deportiert. Nach der Befreiung des Lagers und einigen Monaten im DP-Camp heiratete er Ende 1946 seine vorherige Verlobte. Im Juli 1951 nahm Borowski sich in Warschau das Leben.
In Auschwitz arbeitete im „Kanada-Kommando“.[13] Er beschreibt hier die Ankunft eines Transports im Lager:

‚Der Transport kommt’, sagt jemand, und alle springen erwartungsvoll auf. Aus der Kurve tauchen Güterwagen auf, der Zug fährt rückwärts ein, der Eisenbahner im Bremserhäuschen beugt sich heraus, winkt mit dem Arm, pfeift. Die Lokomotive antwortet mit einem durchdringenden Pfiff, schnauft, der Zug schiebt sich langsam in die Station. In den vergitterten Fensterchen sieht man menschliche Gesichter, blaß, zerknautscht, wie unausgeschlafen, zerzaust, erschrockene Frauen und Männer, die – für hier etwas Exotisches – noch Haare haben. Langsam gleiten sie vorüber, betrachten stumm die Station. Da beginnt sich in den Waggons etwas zu regen, dumpf klopft es gegen die hölzernen Wände.
‚Wasser! Luft!’ hören wir erstickte, verzweifelte Schreie.
[14]


Arbeitsvorschläge für Lerngruppen

  • Beim genauen Betrachten der Bilder fallen Koffer, Kleidung und Geschirr auf. Welches Verständnis hatten die Menschen bezüglich ihres Zielortes?
  • Wie beschreiben die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen ihre Ankunft im Lager?
  • Welche Unterschiede bestehen zwischen den Aussagen Helena Cytrons und Batya Druckmachers und den Fotografien in Bezug auf das Verhalten der Deutschen?
  • Wie beschreibt Tadeusz Borowski die ankommenden Personen?

3. Der Selektionsprozess

Hier können die Fotografien der Jüdinnen und Juden bei dem „Selektions”-Prozess in Auschwitz-Birkenau am 26. Mai 1944 betrachtet werden.

Juden werden auf dem Ankunftsbahnsteig in Birkenau, der als „Rampe“ bekannt ist, der Selektion unterzogen. Die Menschen im Hintergrund sind auf ihrem Weg ins Krematorium II. Der Selektionsprozess begann unmittelbar nachdem die Juden aus den Deportationszügen geholt wurden. Im Laufe einer Selektion wurden Frauen und Männer, die als „arbeitsfähig“ erachtet wurden, zur Zwangsarbeit eingesetzt. Alle anderen Menschen wurden in ihren Tod in den Gaskammern geschickt.
Juden werden auf dem Ankunftsbahnsteig in Birkenau, der als „Rampe“ bekannt ist, dem Selektionsprozess unterworfen.
Juden werden auf dem Ankunftsbahnsteig in Birkenau, der als „Rampe“ bekannt ist, der Selektion unterzogen. Der Selektionsprozess begann unmittelbar nachdem die Juden aus den Deportationszügen geholt wurden. Im Laufe einer Selektion wurden Frauen und Männer, die als „arbeitsfähig“ erachtet wurden, zur Zwangsarbeit eingesetzt. Alle anderen Menschen wurden in ihren Tod in den Gaskammern geschickt.
Juden werden auf der „Rampe“ der Selektion unterzogen. Im Hintergrund sieht man den berühmt-berüchtigten Eingang ins Lager. Einige schon länger Gefangene helfen den Neuankömmlingen.
Juden werden auf der „Rampe“ der Selektion unterzogen. Im Hintergrund sieht man den berühmt-berüchtigten Eingang ins Lager. Einige schon länger Gefangene helfen den Neuankömmlingen.

Cecilie Klein-Pollack

„Also fragte mein Schwager sie: ‚Was ist hier los?’ Aber er antwortete natürlich nicht. Er hatte eine Armbanduhr, und er kam an und nahm ihm die Armbanduhr ab; und er sagte ihm – und meine Schwester war inzwischen unten angekommen, und ich selbst hielt mich immer noch nah bei meiner Mutter. Also sagte er zu ihr ‚Hören Sie, wenn Sie Kinder haben, geben Sie sie ab, entweder an alte Leute oder an Frauen mit Kindern, denn Frauen, Kinder und alle Älteren werden ermordet. Sie morden noch in der selben Nacht, am selben Tag. Es gibt keine Chance für diese Menschen zu überleben.’ Ich konnte es zunächst nicht glauben. Und meine Mutter besaß die Geistesgegenwärtigkeit, sobald sie das gehört hatte, mit mir herauszurennen und ich rannte hinter ihr her; sie ging zu meiner Schwester, und sie hatte die Geistesgegenwärtigkeit, ihr zu sagen: ‚Hör zu Liebling, ich habe gerade herausgefunden, dass Frauen und Kinder es sehr leicht haben werden. Und sie werden, alles was sie tun werden, ist sich zu kümmern – sich um die Kinder zu kümmern. Aber- und, und wenn ich kein Kind habe, dann werden sie mich zur Zwangsarbeit schicken. Und du weißt, dass ich Zwangsarbeit niemals überleben werde. Aber du bist jung, und du wirst fähig sein zu überleben.’ Und noch ehe meine Schwester noch eine Chance hatte, wissen Sie, ihr das Kind nicht zu geben, hatte meine Mutter das Kind bereits in ihren eigenen Armen. Sie wurde zur anderen Seite hinübergestoßen, verstehen Sie, mit all den anderen Frauen und Kindern.“[15]


Livia Lieberman

„Wir sollten unsere Bündel in den Güterwagen lassen. Sie brachten die Älteren auf die eine Seite und die Jüngeren auf die andere Seite, Männer und Frauen voneinander getrennt. Sie trennten die Kinder von ihren Müttern, die Ehefrauen von ihren Männern. Wir durften uns nicht voneinander verabschieden, also wurden wir von unseren Lieben getrennt, ohne auch nur ein Wort wechseln zu können. Sie schlugen auf uns ein, sie schlugen uns ohne Erbarmen.“[16]


Batya Druckmacher

„Einer der Aufseher fragte mich, wessen Kind neben mir steht; meine Schwester, die ganz in der Nähe von mir stand und mich retten wollte, sagte, dass es ihr Kind wäre. Als ich schrie, dass es mein Kind sei, wurde ich für meine Lügen zusammengeschlagen. Dann nahmen sie mir mein Kind weg und meine Schwester ging auch...“[17]


Regina Widawska
Sie wurde im Jahr 1913 in Lodz, Polen geboren. Vor dem Krieg arbeitete sie als Krankenschwester im jüdischen Krankenhaus der Stadt. Sie wurde im August 1944 vom Ghetto Lodz nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Nach der Auflösung von Auschwitz kam sie in die Konzentrationslager Freiburg und Mauthausen.

„Am 28. August wurden wir nach Auschwitz deportiert. Als sie die Waggons öffneten, tauchten sofort die ‚Kanadier’ auf. So wurden die Juden genannt, die im Lagerhaus arbeiteten. Uns wurde befohlen alles in den Waggons zu lassen und unsere Wertgegenstände abzugeben. Von da an verstanden wir, dass man uns umbringen würde. Ich warf sofort meine Bündel herunter, aber meine Mutter wollte ihren Rucksack nicht hergeben. Sie befahlen uns, uns einer hinter dem anderen aufzustellen. Ich stand neben meiner Mutter. Einer der ‚Kanadier’ kam zu mir und sagte mir: ‚Geh weg von deiner Mutter, denn in zwei Stunden wird sie nicht mehr am Leben sein.’ Meine Mutter hörte, was er sagte. Bevor ich überhaupt begreifen konnte, was passierte, drängte mich ein SS-Mann auf die eine Seite und meine Mutter auf die andere. Sie führten sofort die Selektion durch. Ich habe meine Mutter nie wieder gesehen.“[18]


Eliasz Skoszylas

„Der Gestapo-Mann, der alles beaufsichtigte, wusste so genau, was er zu tun hatte, dass wir keine Zeit hatten, zu verstehen, was eigentlich geschah, und fast sofort fanden sich einige der Älteren und der Kinder in Waggons wieder, die sie in Richtung der Krematorien brachte. Ich weiß nicht, was in diesen Waggons vor sich ging. Ich fühlte nur, dass ich aufgehört hatte, die Dinge, die passierten aufzunehmen, und dass alles in mir drin abgestorben war.“[19]


Olga Elbogen

„Also, gemeinsam mit meiner Schwester, mit meiner nächstjüngeren Schwester, wurde ich zur rechten Seite gewiesen, nur wir beide, und wir konnten uns noch nicht einmal von unserer Mutter und unseren jüngeren Geschwistern verabschieden. Wir hatten nur ein wenig Essen übrig von zu Hause und ich gab es meiner Mutter mit den Worten ‚Wir sehen uns heute abend.’ Und das war`s, und ich sah sie nie wieder. Es war ein solches Durcheinander dort in Auschwitz, und wir verstanden es nicht.“[20]


Arbeitsvorschläge für Lerngruppen

  • Welche Informationen über den „Selektions“-Prozess werden den Fotografien durch die Zeitzeugenaussagen hinzugefügt?
  • Auf welche Art und Weise beeinflusste der schnelle Ablauf, in dem die „Selektion“ stattfand, die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen und ihr Verständnis der Ereignisse?
  • Welche Gefühle beschreiben die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen während der „Selektion”?
  • Wie verhielten sich die Inhaftierten den neu Ankommenden gegenüber? Welchen Dilemmata standen sie gegenüber?

4. Verwandlung in einen Häftling

„Arbeitsfähige“ Männer nach dem Entlausungsprozess. Die Desinfizierung derer, die nicht für die Gaskammern selektiert wurden, und das Rasieren ihrer Köpfe gehörten zum „Registrierungsprozess“ im Lager. Danach wurden ihnen die gestreiften Gefängnisuniformen gegeben.
„Arbeitsfähige“ Männer nach dem Entlausungsprozess. Die Desinfizierung derer, die nicht für die Gaskammern selektiert wurden, und das Rasieren ihrer Köpfe gehörten zum „Registrierungsprozess“ im Lager. Danach wurden ihnen die gestreiften Gefängnisuniformen gegeben.
„Arbeitsfähige“ Männer nach dem Entlausungsprozess. Die Desinfizierung derer, die nicht für die Gaskammern selektiert wurden, und das Rasieren ihrer Köpfe gehörten zum „Registrierungsprozess“ im Lager. Danach wurden ihnen die gestreiften Gefängnisuniformen gegeben.
„Arbeitsfähige“ Frauen nach dem Entlausungsprozess. Die Desinfizierung derer, die nicht für die Gaskammern selektiert wurden, und das Rasieren ihrer Köpfe gehörten zum „Registrierungsprozess“ im Lager. Danach wurden ihnen die Gefängnisuniformen gegeben, die auf dem Bild zu sehen sind.
„Arbeitsfähige“ Frauen nach dem Entlausungsprozess. Die Desinfizierung derer, die nicht für die Gaskammern selektiert wurden, und das Rasieren ihrer Köpfe gehörten zum „Registrierungsprozess“ im Lager. Danach wurden ihnen die Gefängnisuniformen gegeben, die auf dem Bild zu sehen sind.
„Arbeitsfähige“ Frauen nach dem Entlausungsprozess. Die Desinfizierung derer, die nicht für die Gaskammern selektiert wurden, und das Rasieren ihrer Köpfe gehörten zum „Registrierungsprozess“ im Lager. Danach wurden ihnen die Gefängnisuniformen gegeben, die auf dem Bild zu sehen sind.
„Arbeitsfähige“ Frauen nach dem Entlausungsprozess. Die Desinfizierung derer, die nicht für die Gaskammern selektiert wurden, und das Rasieren ihrer Köpfe gehörten zum „Registrierungsprozess“ im Lager. Danach wurden ihnen die Gefängnisuniformen gegeben, die auf dem Bild zu sehen sind.

Cecilie Klein-Pollack

„Dies ist, wo meine Mutter und all die anderen waren, in dieser Gaskammer. Und wir waren an einem anderen Ort, wo wir uns ausziehen und umziehen mussten, und sie nahmen uns alles weg. Und sie schubsten uns in die Duschräume, so mussten wir – aber was sie taten war, sie drehten erst das heiße Wasser auf, und wir verbrannten uns, und dann machten sie das kalte Wasser an; und als wir, als wir rausrannten, waren wir alle – und vorher hatten sie uns rasiert. [...] wir waren völlig, verstehen Sie, sie rasierten unsere Haare und sie rasierten unsere, unseren Intimbereich; [...] und dann gaben sie uns – jeder bekam einen Lumpen zum Anziehen. [...] So konnte jemand der Größe sechs brauchte, Größe fünfzehn bekommen, und jemand anders eine sechs – und andersherum. Und als wir gezwungen wurden, uns in der Reihe aufzustellen, konnten wir einander überhaupt nicht wiedererkennen.“[21]


Helena Cytron (Ziporah Tahori)

„Sie brachten uns sofort zu einem Ort, zu einem Gebäude, auf dem stand ‚Sauna’ geschrieben, mit anderen Worten, Badehaus. Wir standen stundenlang in der Schlange, noch in unserer eigenen Kleidung, mit langem Haar, mit allem, und ganz ehrlich, wir pressten uns eng aneinander, denn die Leute kamen aus der ganzen Slowakei, es waren nicht nur wir, und wir hielten uns eng an unsere Freunde von zu Hause, wir fühlten uns sicherer, wenn wir zusammen waren. Und auf diese Weise, nachdem wir stundenlang gestanden hatten, nahmen wir wahr, sahen wir, dass sich hinter dem Haus, hinter der Mauer, seltsame Gestalten bewegten, und wir kamen zu dem Schluss, dass es sich um einen Ort für geistig verwirrte Menschen handeln muss. Dass sie irgendeine Tür geöffnet hatten und alle möglichen verrückten Leute herauskamen.
Als wir auf der anderen Seite des Hauses heraustraten, verstanden wir, dass in Wirklichkeit diese verrückten Leute wir selbst waren, und dass wir in jeder Hinsicht nun plötzlich Tiere geworden waren, da wir uns gegenseitig nicht mehr erkennen konnten. Und in diesem Moment verloren wir unseren letzten Funken von Menschlichkeit, und wir verloren unsere Freunde. Sogar meine beste Freundin stand direkt neben mir und ich konnte sie nicht wiedererkennen. Danach, nach dem Bad und nachdem sie uns gewaschen hatten – schrieben sie uns die Nummern ein. Sie nahmen uns unsere Wertsachen ab. Wir waren neugierig, welche Art von Arbeitskleidung wir bekommen würden. Schließlich kam eine jüdische Frau mit einem Haufen von Lumpen, die einen Ersatz darstellen sollten für unsere Kleidung, die sie konfisziert hatten. Ich bekam einen abgewetzten schwarzen Rock und eine ebenso abgetragene Kreppbluse. Niemand bekam Unterwäsche. Schuhe waren nicht für beide Füße vorgesehen. Eine der Frauen konnte die Schuhe, die sie bekommen hatte, noch nicht einmal anziehen, weil sie zu eng waren. Ein Deutscher ging zu ihr und fragte, warum sie ihre Schuhe nicht anzog. Als er ihre Antwort hörte, schlug er sie ein paar mal und sie war unfähig aufzustehen.“
[22]


Primo Levi

„Ich lernte, dass ich ein Häftling bin. Mein Name ist 174517; wir wurden getauft, und unser Leben lang werden wir das tätowierte Mal auf dem linken Arm tragen.“[23]

„Wir Italiener wollten uns jeden Sonntagabend in einem Winkel des Lagers treffen, aber das lassen wir gleich wieder bleiben, denn es ist zu traurig, uns nachzuzählen und feststellen zu müssen, dass wir jedes Mal weniger sind und unförmiger und elender von Gestalt. Und es ist so mühsam, diese wenigen Schritte zu gehen. Und wenn wir uns treffen so geschieht uns ja überdies, dass wir uns erinnern und nachdenken: und das tut man besser nicht.“[24]


Arbeitsvorschläge für Lerngruppen

  • Was passierte physisch mit den Häftlingen nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau?
  • Welche Bedeutung hatte diese Veränderung aus der Nazi-Perspektive? Inwiefern diente die Entmenschlichung den Tätern?
  • Wie beschreiben die Zeitzeuginnen und Zeitzeugen die Behandlung der Nazis und ihrer Kollaborateure im Lager?
  • Was passierte psychisch mit den Häftlingen nach der Ankunft in Auschwitz-Birkenau?

5. Kanada Kommando[25]

Hier können die Fotografien, die die Arbeit des Kanada Kommandos in Auschwitz-Birkenau darstellen, betrachtet werden.

Schon länger Gefangene laden die Habseligkeiten von Neuangekommenen auf Lastwagen. Birkenau diente in dem Zeitraum, in dem die ungarischen Juden dorthin deportiert wurden, als riesige Tötungs- und Plünderungsanlage.
Schon länger Gefangene laden die Habseligkeiten von Neuangekommenen auf Lastwagen. Birkenau diente in dem Zeitraum, in dem die ungarischen Juden dorthin deportiert wurden, als riesige Tötungs- und Plünderungsanlage.
Sortieren von persönlichem Eigentum der gerade in Auschwitz Angekommenen in einem speziellen Bereich des Lagers, bekannt als „Kanada“. Länger Gefangene arbeiteten in diesem Bereich unter der ständigen Aufsicht von SS-Wächtern.
Sortieren von persönlichem Eigentum der gerade in Auschwitz Angekommenen in einem speziellen Bereich des Lagers, bekannt als „Kanada“. Länger Gefangene arbeiteten in diesem Bereich unter der ständigen Aufsicht von SS-Wächtern.
Sortieren von persönlichem Eigentum der gerade in Auschwitz Angekommenen in einem speziellen Bereich des Lagers, bekannt als „Kanada“. Länger Gefangene arbeiteten in diesem Bereich unter der ständigen Aufsicht von SS-Wächtern.

Rudolf Höß

„Schon 1942 war Kanada I lange schon nicht mehr in der Lage, die Sortierung laufend zu erledigen. Trotz immer wieder neu erstellter zusätzlicher Schuppen und Baracken, Tag- und Nachtarbeit der sortierenden Häftlinge, andauernder Verstärkung dieser Kommandos, türmte sich das noch unsortierte Gepäck, obwohl täglich mehrere Waggons, oft bis zu 20, mit sortiertem Material verladen wurde. 1942 wurde mit dem Aufbau des Effektenlagers Kanada II, westlich an den Bauabschnitt II Birkenau angrenzend, begonnen [...].
Nach Sortierung nach Abschluß größerer Aktionen wurden die Wertsachen und das Geld in Koffern verpackt, mit Lastwagen nach Berlin zum WVHA gebracht, von da zur Reichsbank. Eine besondere Abteilung der Reichsbank befaßte sich nur mir [sic!] diesen Sachen aus den Juden-Aktionen.“
[26]


Arbeitsvorschläge für Lerngruppen

  • Was passierte mit dem Eigentum der Deportierten?
  • Was kann von den Fotografien und der Aussage Rudolf Höß’ bezüglich der Nazi-Ideologie und der Behandlung der Deportierten und ihres Eigentums verstanden werden?

6. Der letzte Weg: Zu den Gaskammern

Hier können die Fotografien der Deportierten auf ihrem letzten Weg betrachtet werden.

Frauen und Kinder werden durch Abschnitt BII des Lagers zu den Krematorien IV und V gebracht. Ältere Menschen und kleine Kinder wurden fast immer sofort in die Gaskammern geschickt, da sie als „arbeitsunfähig“ erachtet wurden.
Frauen und Kinder werden durch Abschnitt BII des Lagers zu den Krematorien IV und V gebracht. Ältere Menschen und kleine Kinder wurden fast immer sofort in die Gaskammern geschickt, da sie als „arbeitsunfähig“ erachtet wurden.
Frauen und Kinder werden durch Abschnitt BII des Lagers zu den Krematorien IV und V gebracht. Ältere Menschen und kleine Kinder wurden fast immer sofort in die Gaskammern geschickt, da sie als „arbeitsunfähig“ erachtet wurden.
Jüdische Frauen und Kinder, die in den Tod geschickt wurden, vor Krematorium III, auf dem Weg zu Krematorium II.
Frauen und Kinder werden durch Abschnitt BII des Lagers zu den Krematorien IV und V gebracht. Ältere Menschen und kleine Kinder wurden fast immer sofort in die Gaskammern geschickt, da sie als „arbeitsunfähig“ erachtet wurden.
Juden, die als „arbeitsunfähig“ eingestuft wurden, warten in einem kleinen Waldstück außerhalb von Krematorium IV, bevor sie vergast werden. Zu diesem Zeitpunkt waren die Juden erschöpft und in einem Schockzustand von den Schrecken der Reise und dem Selektionsprozess, den sie soeben hatten erdulden müssen. Die überwältigende Mehrheit hatte keine Ahnung, welches Schicksal sie erwartet.
Juden, die als „arbeitsunfähig“ eingestuft wurden, warten in einem kleinen Waldstück außerhalb von Krematorium IV, bevor sie vergast werden. Zu diesem Zeitpunkt waren die Juden erschöpft und in einem Schockzustand von den Schrecken der Reise und dem Selektionsprozess, den sie soeben hatten erdulden müssen. Die überwältigende Mehrheit hatte keine Ahnung, welches Schicksal sie erwartet.
Juden, die als „arbeitsunfähig“ eingestuft wurden, warten in einem kleinen Waldstück außerhalb von Krematorium IV, bevor sie vergast werden. Zu diesem Zeitpunkt waren die Juden erschöpft und in einem Schockzustand von den Schrecken der Reise und dem Selektionsprozess, den sie soeben hatten erdulden müssen. Die überwältigende Mehrheit hatte keine Ahnung, welches Schicksal sie erwartet.
Juden, die als „arbeitsunfähig“ eingestuft wurden, warten in einem kleinen Waldstück außerhalb von Krematorium IV, bevor sie vergast werden. Zu diesem Zeitpunkt waren die Juden erschöpft und in einem Schockzustand von den Schrecken der Reise und dem Selektionsprozess, den sie soeben hatten erdulden müssen. Die überwältigende Mehrheit hatte keine Ahnung, welches Schicksal sie erwartet.
Juden, die als „arbeitsunfähig“ eingestuft wurden, warten in einem kleinen Waldstück außerhalb von Krematorium IV, bevor sie vergast werden. Zu diesem Zeitpunkt waren die Juden erschöpft und in einem Schockzustand von den Schrecken der Reise und dem Selektionsprozess, den sie soeben hatten erdulden müssen. Die überwältigende Mehrheit hatte keine Ahnung, welches Schicksal sie erwartet.

Feiser Silberman

„Wir sahen ein langes Fenster, das sich über eine riesige Konstruktion erstreckte, die hermetisch mit weiten Eisenstangen abgeriegelt war. Entlang des Fensters standen nackte Menschen aus den Gruppen, die vorher unter Schlägen und mit Hunden aus den Waggons herausgetrieben worden waren. Diese armen Menschen waren sich anscheinend des Schicksals, das sie erwartete, bewusst. Verzweifelt und mit herzzerreißenden Schreien riefen sie nach Gott und nach ihren Verwandten.... Nachdem wir gesehen hatten, was hier passierte, zweifelten wir nicht länger daran, dass das Lager Auschwitz die Hölle war.“[27]


Haya Pomeranz
Haya Pomeranz wurde im Jahr 1910 in Kresnik, Polen geboren. Sie wurde von Majdanek nach Auschwitz-Birkenau verschleppt. Von dort wurde sie dann später nach Bad-Achen und nach Bergen-Belsen deportiert.

„Sie nahmen den Müttern ihre Kinder weg, alle schrien, aber der Himmel öffnete sich nicht und Gott kam uns nicht zur Hilfe. Von den Wolken tropften kleine Regentropfen, aber keiner schenkte den Schreien der Kinder Aufmerksamkeit. Sie brachten sie zu den Gaskammern und von dort zu den Krematorien. Die Flammen reichten bis an den Himmel, aber nichts passierte, denn Gott und die Engel schliefen.“[28]


Arbeitsvorschläge für Lerngruppen

  • Was haben all die auf den Fotos abgebildeten Personen gemeinsam?
  • Worauf warten die Personen in dem Wäldchen?
  • Welchen Eindruck vermitteln die Gesichtsausdrücke der fotografierten Personen? Vergleicht eure Beobachtungen mit den Beschreibungen der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen.

Meir Wieseltier
Worte
Meir Wieseltier ist ein israelischer Dichter und Übersetzer. Er wurde 1941 in Moskau geboren und kam 1949 nach Israel. Er studierte Jura, Philosophie und Geschichte und wurde 1995 mit dem Bialik Preis sowie 2000 mit dem israelischen Preis für Dichtung und Literatur ausgezeichnet.
Jahre nach dem Holocaust schrieb Meir Wieseltier sein Gedicht „Milim“ (Worte).

Zwei Jahre vor der Zerstörung
Nannte man Zerstörung nicht Zerstörung
Zwei Jahre vor der Shoah[29]
Gab es dafür kein Wort
Was bedeutete das Wort Zerstörung
Zwei Jahre vor der Zerstörung?
Ein Wort für etwas Böses, dass nie passieren sollte
Was bedeutete das Wort Shoah
Zwei Jahre vor der Shoah?
Es war ein Wort für eine große Erhebung
Etwas mit einem unglaublichen Lärm
[30]


Hier finden den weiterführenden Artikel „Mit den Augen der Täter“ - Zum Umgang mit Fotografien aus der Zeit des Holocaust im Geschichtsunterricht von Andreas Weinhold.


Über Ihre Rückmeldungen würden wir uns freuen, bitte wenden Sie sich diesbezüglich an
germany.education@yadvashem.org.il.



[1] Die Zeitzeugenberichte (Yad Vashem Archives) wurden von Lisa Schulz und Jenny Hestermann ins Deutsche übersetzt. Texte, die in deutscher Sprache vorliegen, wurden aus den angegebenen publizierten Quellen zitiert.
[2] Walter Zwi Bacherach (Hg.): Dies sind meine letzten Worte... Briefe aus der Shoah, Yad Vashem Jerusalem und Wallstein Göttingen, 2006, S. 98.
[3] United States Holocaust Memorial Museum, Interview with Cecilie Klein-Pollack, 7.5.1990, RG-50.030*0107.
[4] Livia Lieberman, Yad Vashem Archives, M49 E/80.
[5] Eliasz Skoszylas, Vad Vashem Archives, M49E/227.
[6] Imre Kertesz: Roman eines Schicksallosen, Berlin 1997, S.87.
[7] Primo Levi: Ist das ein Mensch? München 2006, S. 16–18.
[8] United States Holocaust Memorial Museum, Interview with Cecilie Klein-Pollack, May 7, 1990, RG-50.030 0107.
[9] Helena Cytron, Yad Vashem Archives, O3/6766, VT 185.
[10] Batya Druckmacher, Yad Vashem Archives, MIE/555.
[11] Feige Sauberman, Yad Vashem Archives, M49E/2518.
[12] Imre Kertesz: Roman eines Schicksallosen, Berlin 1997, S.88f.
[13] Wenn die Züge ankamen, wurden die Menschen aufgefordert, ihre Habseligkeiten auf der Rampe zu lassen. Das „Kanadakommando“ bestand aus Zwangsarbeitern, die diesen restlichen Besitz einsammelten, sortierten und in speziellen Lagerräumen stapelten, in einem Teil des Lagers, der „Kanada“ genannt wurde (in Anspielung an das mit Wohlstand verbundene Land). Aus dem Kanada-Lager wurden die Wertsachen nach Deutschland verschifft, um das Dritte Reich zu bereichern. Diese Zwangsarbeitseinheit wurde im Sommer 1942 in Auschwitz I zusammengestellt. Im Januar 1943 wurden die Männer des „Kanadakommandos“ nach Birkenau verlegt. Die Einheit wurde wegen der stetig steigenden Anzahl an Transporten ins Lager erweitert. An seinem Höchststand bestand das „Kanadakommando“ aus ungefähr 1000 Männern und Frauen.
[14] Tadeusz Borowski: Bitte, die Herrschaften zum Gas, in: ders.: Bei uns in Auschwitz. Erzählungen (Frankfurt/Main: Schöffling 2006), S. 200
[15] United States Holocaust Memorial Museum, Interview with Cecilie Klein-Pollack. 7.5.1990, RG-50.030*0107.
[16] Livia Lieberman, Yad Vashem Archives, M4 9E/80.
[17] Batya Druckmacher, Yad Vashem Archives, MIE/555.
[18] Regina Widawska, Yad Vashem Archives, M49E/4123.
[19] Eliasz Skoszylas, Yad Vashem Archives, M49E/227.
[20] Olga Elbogen, Yad Vashem Archives, O3/10335.
[21] United States Holocaust Memorial Museum, Interview with Cecilie Klein-Pollack, 7.5.1990, RG-50.030*0107.
[22] Helena Cytron, Yad Vashem Archives, O3/6766, VT185.
[23] Primo Levi: Ist das ein Mensch? München 2006, S. 29.
[24] Ibid, S. 41.
[25] Zum Kanada-Kommando siehe Fußnote 13.
[26] Martin Broszat: Kommandant in Auschwitz. Autobiographische Aufzeichnungen von Rudolf Höß (Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichte, Bd. 5), Stuttgart 1958, S.163f.
[27] Feiser Silberman, Yad Vashem Archives M49E/2948.
[28] Haya Pomeranz, Yad Vashem Archives, MIE/1385, MIE/1339.
[29] „Shoah” ist ein anderes Wort für Holocaust. Shoah kommt aus dem Hebräischen und heißt „Katastrophe”. Generell meint man mit Shoah die ideologisch vorbereitete und industriell durchgeführte Vernichtung von sechs Millionen Juden und Jüdinnen während der Zeit des Nationalsozialismus.
[30] Meir Wieseltier: Words, Tel-Aviv Review, edited by Gabriel Moked, 4 (Fall 1989–Winter 1990): p. 191 (Übertragung ins Deutsche).