Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

Ausstellung Lichtschimmer. Die Geschichten von sechs „Gerechten unter den Völkern“ in Auschwitz

Pädagogische Handreichungen für Lehrerinnen und Lehrer

Von Franziska Reiniger und Anna Stocker

Zielgruppe: für Schülerinnen und Schüler ab 12 Jahren

Inhalt:



Einleitung

Der Holocaust ist eine Geschichte der Menschheit. Menschen haben dies Menschen angetan. Die Täterinnen und Täter waren also auch Menschen. Die Frage, wie Täterinnen und Täter zu diesen wurden und zu begreifen, wie sich menschliche Moralvorstellungen innerhalb so kurzer Zeit verschieben konnten, stellt eine Herausforderung für die pädagogische Arbeit dar. Der Versuch, diesen Prozess – in welchem die Täterinnen und Täter Entscheidungen trafen und handelten – nachzuvollziehen, bedeutet keinesfalls, diese Entscheidungen und Taten zu rechtfertigen. Wenn Schülerinnen und Schüler lernen, Täterinnen und Täter als Menschen zu betrachten, anstatt sie zu dämonisieren, rückt gleichzeitig die Verantwortung für das eigene Handeln stärker in ihr Bewusstsein.
Die zahlenmäßig größte Personengruppe des Holocaust ist die der Mitläuferinnen und Mitläufer. Sie repräsentieren die Position der überwiegenden Mehrheit der Menschen – zur Zeit des Holocaust ebenso wie heute. Menschen neigen dazu, sich selbst der Nächste zu sein. Diese Neigung stellt zugleich die ethische Legitimation dafür dar, keine Verantwortung übernehmen zu wollen oder zu müssen. Genau hierin liegt ein Dilemma. Gleichzeitig traten während der Zeit des Nationalsozialismus viele der Retterinnen und Retter zu einem bestimmten Zeitpunkt aus dieser Gruppe heraus und stellten sich an die Seite der Opfer. Sie entschieden sich aus unterschiedlichen Gründen dafür, Verfolgten zu helfen. Sie verkörpern damit weder das vollständig Böse noch ikonenhafte Heldinnen und Helden. Diese Geschichten stellen daher eine gute Identifikationsmöglichkeit für Schülerinnen und Schüler dar. Sie bieten eine Alternative zum Mitläufertum an und zeigen, dass eine Veränderung der eigenen Handlungsweise zu vielen Zeitpunkten möglich war. Einige dieser Retterinnen und Retter wurden in Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt und ausgezeichnet.

Bevor der Titel „Gerechte unter den Völkern“ von Yad Vashem vergeben wird, wird genau geprüft, ob dieser Mensch wirklich den Titel tragen darf. Dazu werden Zeugenaussagen und andere Dokumente und Berichte gesammelt. Ein Komitee aus Historikern und Überlebenden prüft und diskutiert den Antrag. Erster Vorsitzender dieses Komitees ist ein emeritierter Richter des Obersten Gerichtshofs.

In dieser Unterrichtseinheit werden sechs verschiedene Personen vorgestellt, die von Yad Vashem als „Gerechte“ anerkannt wurden. Schülerinnen und Schüler sollen mithilfe dieser Lebensgeschichten mehr über die Auszeichnung „Gerechte unter den Völkern“ lernen und erfahren, welche Anstrengungen damit verbunden waren, Jüdinnen und Juden während des Holocaust zu helfen. Die Lernenden übernehmen die Rolle des Komitees und entscheiden, welche Handlungen mit welcher Begründung anerkennungswürdig sind.


Arbeiten mit dem Material

Nach dem Lesen und Besprechen des Überblicksartikels zu den „Gerechten unter den Völkern“ kann die Klasse in Kleingruppen eingeteilt werden.

Jede Gruppe erhält eine der sechs Geschichten der ausgewählten „Gerechten unter den Völkern“. Die Schülerinnen und Schüler lesen die Geschichten und übernehmen dann die Rolle des Komitees, das entscheidet, ob die jeweilige Person berechtigt wäre, den Titel „Gerechter unter den Völkern” verliehen zu bekommen. Wie das Komitee auch, müssen die Schülerinnen und Schüler zu einem einstimmigen Ergebnis kommen. Für die Diskussion werden jeder Gruppe zusätzlich noch folgende wichtigen Fragen an die Zeugenaussage vorgelegt:

Welche Informationen sollen gesammelt werden?

  • Eine genaue Beschreibung der gegebenen Hilfeleistung (Durch welche Art und Weise half die Retterin oder der Retter?)
  • Wurde eine Form materieller Kompensation geleistet?
  • Welcher generellen Gefahr war die Retterin oder der Retter ausgesetzt und welches Risiko musste sie oder er zur Hilfeleistung eingehen?
  • Was war die Motivation zur Hilfeleistung, sofern diese nachweisbar ist: z.B. Freundschaft, religiöse Beweggründe, humanitäre Erwägungen, andere Gründe.
  • Gibt es eindeutige Beweise von Geretteten? Wer sind die Zeuginnen oder Zeugen und was sagen sie aus?

Die Lerngruppen können diskutieren und dann entscheiden, ob und aus welchen Gründen sie den Personen den Titel geben würden.

Die Geschichten können hier eingesehen werden.


Im Anschluss an die Gruppenarbeit kann ein Klassengespräch stattfinden, das auf den jeweiligen Erkenntnissen der Gruppendiskussionen und deren Beschlüssen basiert.


Weiterführende Diskussionfragen

  • Was bedeutet das Zitat: „Wer auch nur ein Leben rettet, rettet die ganze Welt" (Mishnah, Sanhedrin 4:5)?
  • Was ist eurer Meinung nach die Bedeutung der „Gerechten unter den Völkern” für die Nachwelt?

Zur Weiterführung können hier weitere ausgewählte Geschichten, die nach Ländern geordnet sind, gelesen werden.

Nach Ländern geordnete Statistiken sind hier einzusehen.

Ein deutschsprachiger Newsletter zum Thema der „Gerechten“ ist hier einzusehen.

Eine Unterrichtseinheit zu dem „Gerechten“ Oskar Schindler ist hier zu finden.


Über Ihre Rückmeldungen würden wir uns freuen, bitte wenden Sie sich diesbezüglich an germany.education@yadvashem.org.il.