Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Der Bildhauer Deutschlands“
Propaganda und die Bildenden Künste im Dritten Reich


Unterrichtsplan

Klassenstufen: 9-12
Dauer: 1 Stunde


Leitgedanken

Die Unterrichtseinheit thematisiert die Rolle der Bildenden Künste für die NS-Propaganda. Sie eröffnet den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, eigenständig zu untersuchen, wie sich das NS-Regime Kunstwerke und Bilder für Propagandazwecke zunutze machte. Zunächst sollen die Schülerinnen und Schüler eine Karikatur analysieren, die 1933 in Deutschland erschien. In Auseinandersetzung mit dieser Primärquelle können sie erforschen, wie die Bildenden Künste einerseits der Zensur und Gleichschaltung durch das NS-Regime unterworfen wurden und andererseits in den Propagandaapparat integriert und instrumentalisiert wurden. Im Anschluss daran werden Kenntnisse über die „Arisierung“ der Kunst in Nazideutschland vermittelt und das nationalsozialistische Kunstverständnis einer kritischen Betrachtung unterzogen. Dafür sollen sich die Schülerinnen und Schüler sowohl Beispiele von Nazikunst, die das Regime in Ausstellungen, Festumzügen und monumentaler Bildhaukunst verbreitete und förderte, als auch Beispiele moderner Kunst ansehen, die von den Nazis als „entartet“ stigmatisiert und deshalb verboten wurden. Schließlich sollen die Schülerinnen und Schüler lernen, Bilder kritisch zu betrachten, ihre expliziten und impliziten Botschaften zu erkennen und diese kritisch einzuordnen.

Didaktische Ziele

In dieser Unterrichtseinheit werden die Schülerinnen und Schüler

  • eine politische Karikatur aus dem Deutschland der 1930er Jahre analysieren;
  • sich mit dem Konzept „Propaganda“ auseinandersetzen und lernen, einige ihrer Manipulationsstrategien und -taktiken zu erkennen;
  • lernen, wie das Naziregime Bilder als Propagandamaterial einsetzte, um seine Ideologie sowie seine politische und soziale Agenda voranzutreiben;
  • Techniken zur kritischen Bildanalyse erlernen und üben, Bilder hinsichtlich ihres Inhalts, ihrer Wirkmacht und ihres ästhetischen Werts einzuschätzen;
  • Fragen über die Beziehung von Kunst und Politik, staatlicher Zensur und Redefreiheit diskutieren.

Schritt 1: Betrachten und beschreiben Sie die Karikatur gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern mithilfe der Diskussionsfragen. Berücksichtigen Sie dabei die ‚Anmerkungen für Unterrichtende’.
Schritt 2: Lesen Sie mit den Schülerinnen und Schülern den Text „Historischer Hintergrund: Der Kampf um die Kunst in Nazideutschland“.
Schritt 3: Beantworten Sie Fragen.

Die Unterrichtseinheit

Seht euch die Illustration sorgfältig an. Es handelt sich um eine Karikatur, die aus vier Einzelabbildungen mit einer Bildunterschrift besteht. Beschreibt, was in jeder Abbildung geschieht und beantwortet anschließend die folgenden Fragen.

Diese Karikatur wurde 1933, in dem Jahr, in dem Hitler an die Macht kam, in einer rechtsgerichteten Satirezeitschrift veröffentlicht. Die Bildunterschrift erklärt Hitler zum „Bildhauer Deutschlands“.

Karikatur: O.Garvens, „Der Bildhauer Deutschlands“
Karikatur: O.Garvens, „Der Bildhauer Deutschlands“[1]

Diskussionsfragen:

  • In dieser Karikatur wird eine Geschichte erzählt. Wovon handelt sie?
  • Die Karikatur zeigt zwei Künstler. Wie würdet ihr sie jeweils charakterisieren? Welche Unterschiede, z.B. hinsichtlich der Kleidung, Geschichtsausdruck, Blickrichtung und Ausdruck der Augen, Körpersprache und Haltung könnt ihr beobachten?
  • Wie wird der „moderne Künstler“ in der Karikatur dargestellt?
  • Was ist eine Karikatur? Wie wird sie hier genutzt und zu welchem Zweck?
  • Wie nutzt der Karikaturist antisemitische Stereotype? Weshalb verwendet er diese Stereotype eurer Meinung nach? Findet ihr, dass der Gebrauch von antisemitischen Stereotypen hier wirkungsvoll ist?
  • Wie würdet ihr die Unterschiede zwischen den beiden Kunststilen beschreiben, die in der Karikatur präsentiert werden?
  • Wie ist die Karikatur gestaltet? Warum hat der Karikaturist die vier Abbildungen auf diese Weise angeordnet? Was wird mit dieser Anordnung betont? Wie werden durch dieses Layout Kontraste hergestellt, die den Vergleich der beiden Künstler und ihrer künstlerischen Vision erleichtern und den Blick des Betrachters in eine bestimmte Richtung lenken?
  • Hitler ist einer der abgebildeten „Künstler“. In der Bildunterschrift der Karikatur wird er als „Bildhauer Deutschlands“ bezeichnet. Welche Andeutungen werden in der Karikatur über die Rolle der Kunst in Nazi-Deutschland gemacht? Welche Schlussfolgerungen lassen sich über die Verbindung von Kunst und Macht ziehen? Welche Aussage wird hier transportiert?
  • Die Nazis haben viele Propagandaformen genutzt, um ihre Ideologie zu verbreiten. Was sind die Vorteile von Bildern (wie dieser Karikatur) als Propagandamaterial? Wie werden Bilder heute als Propagandamaterial genutzt?

Weiterführende Aufgaben:

  • Die Karikatur wurde 1933 gezeichnet und veröffentlicht. Recherchiert weitere Ereignisse aus dem Jahr 1933 über das Lebendige Virtuelle Museum online, um mehr über den Hintergrund der Karikatur zu erfahren, und stellt eure Ergebnisse der Klasse vor.
  • Die Skulptur, die Hitler modelliert, ähnelt einer römisch-griechischen Statue der antiken Klassik. Warum könnte das wichtig sein? Recherchiert über Nazikunst und stellt eure Ergebnisse in der Klasse vor.
  • Was bedeutet es, wenn wir diese Karikatur heute (im Schulunterricht) betrachten? Wie unterscheidet sich unsere heutige Wahrnehmungsweise von der Perspektive damaliger Zeitgenossen?

Anmerkungen für Unterrichtende

Die Karikatur, die O. Garvens im Jahr 1933 zeichnete und die aus vier Einzelbildern besteht, stellt einen Künstler mit stereotypen „jüdischen Merkmalen“ dar (klein und demütig, mit Brille und großer Nase). Der Künstler zeigt Hitler eine Skulptur, in der viele kleine Gestalten wirr ineinander verwunden sind. Im zweiten Bild fällt Hitler, der über seiner Uniform einen Malerkittel trägt, seinen Urteilsspruch: Er zerstört die Skulptur mit einem heftigen Faustschlag. Der Künstler reagiert überrascht und schockiert. Im dritten Bild hat Hitler den Arbeitsplatz des Künstlers vollständig eingenommen. Der ‚jüdische’ moderne Künstler wird verdrängt, seine abweichende ‚Vision’ und seine Stimme werden zum Schweigen gebracht. Die Gewalt des ‚Künstler-Führers’ und das Verschwinden des jüdischen Künstlers werfen bereits ein Licht auf das spätere Schicksal der Juden und der Kunst der jüdischen Künstler.
Es ist nun Hitler selbst, der das übriggebliebene Rohmaterial zu einer großen, monumentalen Figur mit idealisierten Muskeln und heldenhafter Statur umgestaltet – er ersetzt die chaotische wuselige Masse aus der Skulptur des jüdischen Künstlers durch einen vereinten nationalen Körper und ein einziges, nationales Ziel (entsprechend der Formel „Ein Reich, ein Volk, ein Führer“).
Im letzten Bild begutachtet er sein Werk und schaut fast zu seiner autoritären Figur auf. Der Koloss ist die Verkörperung der deutschen Nation.
Die Skulptur, die Hitler in dieser Karikatur kreiert, ist ein typisches Beispiel für die Kunst des Nationalsozialismus: figurative, idealisierte Arbeiten in monumentaler Größe, oft in traditionellen Materialien wie Marmor oder Öl ausgeführt. Vorbild war die Kunst der antiken Klassik, die als „rein“ von jüdischen Einflüssen galt.

Die offiziell führenden Bildhauer des Dritten Reichs waren Josef Thorak und Arno Breker.
Das Staatsatelier Thoraks, das in einem Münchener Vorort lag, war von Albert Speer entworfen worden und galt als größtes Atelier der Welt. Es war für die monumentalen Skulpturen ausgelegt, die Thorak für das Deutsche Stadion in Nürnberg, das Olympiastadion und die Reichsautobahn gestalten sollte. Einige dieser Stücke waren bis zu 20 Meter hoch. Seine Werke wie die Skulptur Kameradschaft wurden regelmäßig in der Großen Deutschen Kunstausstellung gezeigt.
Arno Breker wurde an Hitlers Geburtstag im Jahr 1937 zum offiziellen Staatsbildhauer ernannt. Hitler bezeichnete Brekers Statuen Die Wehrmacht und Die Partei, die seit 1939 den Eingang im Ehrenhof der Neuen Reichskanzlei flankierten, als die schönsten Werke, die es jemals in Deutschland gegeben habe.

Josef Thoraks Skulptur Kameradschaft (1937)Josef Thoraks Skulptur Kameradschaft (1937)

Die Propagandaexperten der Nazis stellten Hitler in vielen Rollen dar: als militärischen Führer, Politiker, Retter und als wohlwollende, gütige Vaterfigur. Die Karikatur von Garvens zeigt Hitler in einer weiteren Rolle, die Hitler selbst von sich etablierte: Hitler als Künstler und Förderer der Kunst. Er verstand sich als politischer und kultureller Führer des deutschen Volkes. Er suchte persönlich die Werke aus, die in der jährlichen Großen Deutschen Kunstausstellung gezeigt wurden, und hielt insgesamt sechs Reden zu diesem Thema, die zusätzlich in separaten Broschüren veröffentlicht wurden. Sie befassten sich mit dem Zusammenhang zwischen Kunst und Politik und trugen Titel wie ‚Die deutsche Kunst als stolzeste Verteidigung des deutschen Volkes’[2]. Er gab Aufträge für Planung und Bau von großen Kunstmuseen und war auch für die Ausführung zuständig. Seine eigenen Werke ließ er zu ‚Werken von nationaler Bedeutung’ erklären.[3] Ganz in diesem Sinne verkündete Hermann Göring am 8. Juni 1938 in einer Rede, die in der nationalsozialistischen Zeitung Hakenkreuzbanner abgedruckt wurde: „Hier aber hat die Vorsehung dem deutschen Volk in einer Person alles geschenkt, nicht nur den genialen starken Staatsmann und Politiker, nicht nur ein soldatisches Genie, nicht nur den ersten Arbeiter und wirtschaftlichen Gestalter seines Volkes, sondern vielleicht als allerstärkste Eignung den Künstler Adolf Hitler. Aus der Kunst kam er, der Kunst hat er sich zuerst verschrieben, der Kunst der Architektur, der mächtigen Gestalterin großer und unvergänglicher Bauten. Und nun ist er zum Baumeister eines Reiches geworden…“[4]

Arno Breker: Die Partei und Die Wehrmacht, 1939Arno Breker: Die Partei und Die Wehrmacht, 1939
(Die Partei ist die Statue mit der Fackel; Die Wehrmacht ist die Statue mit dem Schwert.)

In Garvens’ Karikatur wird Hitler als Bildhauer dargestellt, der buchstäblich eine neue Nation und ein neues ‚arisches’ Ideal formt. In einem Brief an den Dirigenten und Vizepräsidenten der Reichsmusikkammer Wilhelm Furtwängler vom April 1933 zog Goebbels die gleiche Analogie: „Auch die Politik ist eine Kunst […]. Und wir, die wir die moderne deutsche Politik gestalten, fühlen uns dabei als künstlerische Menschen, denen die verantwortungsvolle Aufgabe anvertraut ist, aus dem rohen Stoff der Masse das feste und gestalthafte Gebilde des Volkes zu formen. Es ist nicht nur die Aufgabe der Kunst und des Künstlers, zu verbinden; es ist weit darüber hinaus ihre Aufgabe, zu formen, Gestalt zu geben, Krankes zu beseitigen und Gesundem freie Bahn zu schaffen.”[5]
Die Karikatur hebt die zentrale Rolle der Künste im Dritten Reich hervor. Zudem illustriert sie, wie die Förderung ‚arischer’ Kunst mit der Unterdrückung aller anderen Formen künstlerischen Ausdrucks einherging. Auf diese Weise lässt sie bereits die extremen Maßnahmen erahnen, die im Rahmen der Kampagne gegen moderne Kunst getroffen wurden und die Hitler bei der Eröffnung des Hauses der Deutschen Kunst in München im Sommer 1937 wie folgt ankündigte: „Ich will daher in dieser Stunde bekennen, daß es mein unabänderlicher Entschluß ist, genauso wie auf dem Gebiete der politischen Verwirrung nunmehr auch hier mit den Phrasen im deutschen Kunstleben aufzuräumen.“[6]

Historischer Hintergrund

Schülerhandout:
Historischer Hintergrund. Der Kampf um Kunst in Nazideutschland

Propaganda bedeutet einseitige, voreingenommene und verzerrende Information, deren Ziel darin besteht, die Meinungen und das Verhalten einer großen Masse von Menschen zu steuern. Nazipropaganda wird oft mit Hitlers Reden oder mit den bekannten Nazifilmen wie Leni Riefenstahls Triumph des Willens (1934) assoziiert. Tatsächlich aber existiert Propaganda in vielen Formen. Bildende Kunst und Massenmedien wie Film und Fernsehen wurden von der Naziführung genutzt, um Ideen zu verbreiten, Informationen zu kontrollieren und die öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Bilder können einen enormen Einfluss haben und sind sehr effektive Instrumente für Propaganda, weil sie auf der gedruckten Seite auffallen und Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie transportieren Informationen sehr schnell, sie sind einprägsam und sprechen unsere Emotionen an. Sie können leicht und schnell reproduziert werden und über die Massenmedien leicht und im großen Rahmen verbreitet werden. Hitler verstand die Macht und Anziehungskraft von Kunst als eine Art ‚Propaganda-Abkürzung’. In Mein Kampf schrieb er: „[Propaganda ist] eine wahrhaft fürchterliche Waffe in der Hand des Kenners. [...] Jede Propaganda hat volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahmefähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten gedenkt.“[7] Wie die Karikatur von Garvens können Bilder komplexe, abstrakte Ideen darstellen und sie spezifizieren und anschaulich machen.

Philipp Rupprecht (alias Fips): Karikatur in: Der Stürmer, Dezember 1929Philipp Rupprecht (alias Fips): Karikatur in: Der Stürmer, Dezember 1929

Karikaturen wie die von Garvens waren ein wichtiger Träger für Nazipropaganda. Indem sie die Welt in rein und unrein, perfekt und minderwertig einteilte, brachte sie Stereotype und Symbole für die angeblichen ‚Unterschiede zwischen den Rassen’ in Umlauf und trug zu deren massenhafter Verbreitung bei. So stellt Garvens’ Karikatur dem unreinen, entstellten jüdischen Körper des modernen ‚entarteten’ Künstlers den reinen, gesunden ‚arischen’ Körberbau der Skulptur von Hitler gegenüber, die beispielhaft das Nazikonzept des ‚Neuen Menschen’ zeigt.[8] Diese Form der Nazi-Bildpropaganda wurde weitläufig eingesetzt und spielte so eine Schlüsselrolle bei der Entstehung einer Geisteshaltung, die schließlich den Holocaust möglich werden ließ: Antisemitische Ressentiments wurden ausgenutzt und verschärft, um Nationalstolz und nationale Solidarität zu fördern. Es wurde bildlich vermittelt, dass niemand gleichzeitig deutsch und jüdisch sein könne.

Germania. Stereotype Darstellung von einer jüdischen und einer arischen Frau. Yad Vashem Holocaust Resource Center, Gates of Knowledge, Nazi Racism and AntisemitismGermania. Stereotype Darstellung von einer jüdischen und einer arischen Frau. Yad Vashem Holocaust Resource Center, Gates of Knowledge, Nazi Racism and Antisemitism

Nazipolitiker nahmen die Kunst als eines der wichtigsten Elemente zum Aufbau des Dritten Reichs wahr. Der bildenden Kunst wurde in allen ihren Formen ein hoher Stellenwert eingeräumt: Sie wurde staatlich gefördert, Kunstwerke wurden auf Broschüren, Büchern, Postkarten und Briefmarken abgedruckt und weit verbreitet. Auch in öffentlichen Zeremonien wurde ihr ein großer Stellenwert eingeräumt. So erklärte Hitler in seiner Rede zur Eröffnung des Hauses der Deutschen Kunst in München im Sommer 1937:
„Nicht bolschewistische Kunstsammler oder ihre literarischen Trabanten haben die Grundlagen für den Bestand einer neuen Kunst geschaffen oder auch nur den Fortbestand der Kunst in Deutschland sichergestellt, sondern wir, die wir diesen Staat ins Leben riefen und seitdem gewaltige Mittel der deutschen Kunst zur Verfügung stellen, die sie zu ihrer Existenz und zu ihrem Schaffen benötigt, und vor allem: Wir deshalb, weil wir der Kunst selbst neue große Aufgaben zugewiesen haben.“[9]
Dieses ästhetische Unternehmen war ein Kernstück der NS-Ideologie, zentral für die Verwirklichung ihres Traums von einer schöneren, gereinigten, hygienischen Welt.
Der Kontrolle der Künste kam im totalitären Herrschaftssystem der Nationalsozialisten große Bedeutung zu. Sobald die Nazis 1933 an die Macht gekommen waren, schuf Hitler das Propagandaminsterium, das Joseph Goebbels unterstellt wurde. Als „Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda“ leitete Goebbels die Gleichschaltung der Kultur, in deren Verlauf die Anpassung aller Bereiche der Kunst an die ideologischen Ziele der Nazis teils erzwungen, teils aber auch freiwillig vollzogen wurde. Unter Goebbels’ Leitung überwachte die Reichskulturkammer nun alle Aspekte des kulturellen Lebens in Deutschland – Presse, Bildungswesen, Musik, Film, Theater und die Bildenden Künste. Die Mitgliedschaft in der Reichskulturkammer war verpflichtend für jeden, der im Kulturbereich tätig war; wer von der Reichskulturkammer nicht als Mitglied akzeptiert wurde, erhielt Berufsverbot. Auf diese Weise wollte das Naziregime die ‚rassische Reinheit’ und ideologische Konformität der künstlerischen Erzeugnisse durchsetzen. Unabhängige Organisationen und Verbände waren nicht erlaubt.

Menschen warten auf Einlass zu der Ausstellung Entartete Kunst, München 1937, Yad Vashem Photo Archiv.Menschen warten auf Einlass zu der Ausstellung Entartete Kunst, München 1937, Yad Vashem Photo Archiv.

Die Nationalsozialisten attackierten fast alles, was die Kunstszene vor 1933 bestimmt hatte; diese aggressive Ablehnung zielte auch darauf ab, die Kultur der Weimarer Republik in Verruf zu bringen. Die Nazis verbanden mit moderner Kunst Internationalismus und liberal-progressive Politik. Sie kritisierten sie als elitär und intellektuell, als fremdartig und jüdisch; sie sahen sie als Symbol für die Kräfte, die Deutschland gedemütigt hätten. Jüdische, ausländische und moderne Künstler wurden als “entartet” abgestempelt, auf Schwarze Listen gesetzt und als Staatsfeinde gebrandmarkt: Sie wurden als Gefahr für die ‚Gesundheit der deutschen Nation’ verunglimpft. Es begannen systematische und institutionalisierte Angriffe auf die moderne Kunst. Bereits innerhalb des ersten Jahres der NS-Herrschaft wurde eine große Zahl von Künstlern mit Berufsverboten belegt. Professoren verloren ihre Lehrstühle, Kunstkritiker wurden zensiert, Museumsdirektoren und -kuratoren wurden entlassen und ihre Posten an Parteimitglieder vergeben. Das Staatliche Bauhaus wurde geschlossen.[10] Am 10.5.1933 organisierten Mitglieder des Nationalsozialistischen Studentenbundes landesweit Bücherverbrennungen, bei denen Bücher von “undeutschen” und jüdischen Autoren verbrannt wurden. Künstler erlitten Verfolgung, Exil, Inhaftierung und sogar Tod aufgrund des Inhalts oder des Stils ihrer Arbeiten, ihrer politischen Überzeugungen oder ihrer Religionszugehörigkeit.

Das Haus der deutschen Kunst, München, Yad Vashem Photo Archiv.Das Haus der deutschen Kunst, München, Yad Vashem Photo Archiv.

Im Sommer 1937 gab Goebbels einen Erlass aus, der es dem Maler und Präsidenten der Reichskunstkammer Adolf Ziegler[11] erlaubte, mit einer fünfköpfigen Kommission deutsche Museen und öffentliche Sammlungen zu inspizieren und alles zu konfiszieren, was sie als “entartet“ betrachteten. Insgesamt wurden bei dieser Aktion Entartete Kunst 16.000 Werke aus über 32 Museen und Sammlungen konfisziert. 650 Werke von 112 Künstlern wurden für eine spezielle, staatlich geförderte Lehrausstellung mit dem Titel Entartete Kunst vorgemerkt. Sie wurde am 18. Juli 1937 in den Arkaden des Münchener Hofgartens eröffnet und in den folgenden vier Jahren in elf weiteren deutschen und österreichischen Städten gezeigt. Die Besucherzahl erreichte drei Millionen und war damit geradezu rekordverdächtig hoch. Das Ziel dieser riesigen Ausstellung bestand darin, die Abneigung gegenüber moderner Kunst in der Bevölkerung zu fördern und breite öffentliche Unterstützung für die Kampagne „zur Reinigung der deutschen Kultur von schädlichen Einflüssen“ zu gewinnen.

Hitler sieht sich am Eröffnungstag die Dritte Große Deutsche Kunstausstellung an, München 16.7.1939, Yad Vashem Photo ArchivHitler sieht sich am Eröffnungstag die Dritte Große Deutsche Kunstausstellung an, München 16.7.1939, Yad Vashem Photo Archiv

Als Gegenbild zur Ausstellung Entartete Kunst wurde auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Große Deutsche Kunstausstellung gezeigt. Aus strategischen Gründen wurde sie einen Tag früher eröffnet. Sie bildete den Auftakt einer Ausstellungsreihe, die bis 1944 jährlich das zeigte, was im Dritten Reich als ‚hohe deutsche Kunst’ bewertet wurde. Aufgebaut wurde sie im erst kurz zuvor eröffneten Haus der Deutschen Kunst in München. Dieses monumentale, neoklassizistische Haus war das erste bedeutende Gebäude, das im Auftrag der Nationalsozialisten gebaut wurde.
Vor der Eröffnung der Großen Deutschen Kunstausstellung feierte München, in Banner und Fahnen gehüllt, drei Tage lang den ‚Tag der Deutschen Kunst’ mit extravaganten Paraden. Der Staat scheute weder Kosten noch Mühen für diese spektakulären Zeremonien. Mit monumentalen vergoldeten Pappmaché-Büsten im Stil klassischer Bildhauerei, als Rheintöchter und Krieger der Schlacht um den Teutoburger Wald kostümierten Festteilnehmern und einem Finale mit Tausenden marschierenden Soldaten wurden „2000 Jahre Deutsche Kultur“ proklamiert.


[1] Abgedruckt in: Kladderadatsch Nr. 49 vom 3. Dezember 1933, S. 6. Der Kladderadatsch war eine führende deutsche Satirezeitschrift, die von 1848 bis 1944 erschien. Seit Beginn der 1920er Jahre sympathisierte er mit dem Nationalsozialismus, druckte mehr und mehr antisemitische Karikaturen und vertrat rechtsextreme Positionen. Nach dem Scheitern des Hitler-Putsches 1923 rühmte der Kladderadatsch Hitlers patriotischen Geist; in den frühen 1930ern unterstützte er offen Hitlers politisches Programm. Politische Gegner der NSDAP, vor allem Sozialdemokraten, wurden dagegen beschuldigt, Deutschland zerstören zu wollen. Der Bildhauer und politischer Karikaturist Oskar Garvens (1874-1951) arbeitete seit 1924 für den Kladderadatsch.
Die Karikatur ist abrufbar unter: http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kla1933/0775/image?sid=3055d573d21f5cd6e9974e2e24b84194#current_page.
[2] Adolf Hitler, Die deutsche Kunst als stolzeste Verteidigung des deutschen Volkes. Rede auf der Kulturtagung des Parteitages 1933. Die Rede wurde abgedruckt in: Nationalsozialistische Monatshefte 4, 43 (1933), S. 440. Nachdruck auszugsweise in: Max Domarus (Hrsg.): Hitler – Reden und Proklamationen 1932-1945: kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen, Band 1, Leonberg: 1988.
[3] Henry Grosshans: Hitler and the Artists, New York u.a.: 1983, S. 10. Übersetzung: Yad Vashem.
[4] Die Rede erschien unter dem Titel „Die Begabung des Einzelnen – Fundament für viele“ im Hakenkreuzbanner Nr. 262 vom 10.6.1938, o.S.
[5] Korrespondenz zwischen Wilhelm Furtwängler und Joseph Goebbels vom April 1933. Abdruck in: Deutsche Allgemeine Zeitung vom 11.4.1933. Nachdruck in: Paul Meier-Benneckenstein/Six, Franz Alfred (Hrsg.), Dokumente der deutschen Politik, Band 1, bearbeitet von Axel Friedrichs, Berlin: 1935, S. 255-58.
[6] Abdruck der Rede in Max Domarus (Hrsg.): Hitler – Reden und Proklamationen 1932-1945: kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen, Band 2, Leonberg: 1988.
[7] In Kapitel 6 von Mein Kampf kommentierte Hitler die Verwendung von Propaganda im Ersten Weltkrieg und die Funktion von Propaganda im Allgemeinen; Adolf Hitler: Mein Kampf; München 1941, S. 196 und S. 197.
[8] 1935 verkündete Hitler auf dem Reichsparteitag in Nürnberg, auf dem die Nürnberger Gesetze verabschiedet wurden: „Wir müssen einen neuen Menschen erziehen, auf daß unser Volk nicht an den Degenerationserscheinungen der Zeit zugrunde geht.“ Abdruck der Rede in Max Domarus (Hrsg.): Hitler – Reden und Proklamationen 1932-1945: kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen, Band 2, Leonberg: 1988.
[9] Abdruck der Rede in Max Domarus (Hrsg.): Hitler – Reden und Proklamationen 1932-1945: kommentiert von einem deutschen Zeitgenossen, Band 2, Leonberg: 1988.
[10] Das Bauhaus war 1919 als Hochschule für Gestaltung vom Architekten Walter Gropius gegründet worden. Die Hochschule verfolgte das Ziel, Angewandte Kunst und Kunsthandwerk mit Bildender Kunst und Technik zu vereinigen, um auf diese Weise Kunstwerke zu schaffen, die endlich alle Künste, inklusive auch der Architektur, zusammenführten. Der Bauhaus-Stil entwickelte sich zu einer der einflussreichsten Strömungen des Modernismus; er unterstützte Experimentierfreudigkeit und tendierte zur Abstraktion. Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde das Bauhaus als kosmopolitisch und durch fremde, jüdische Einflüsse verdorben unter Beschuss genommen. Nach seiner erzwungenen Schließung wanderte ein großer Teil der früheren Mitarbeiter und Studierenden aus.
[11] Adolf Ziegler war der führende Maler des Dritten Reichs und Hitlers persönlicher Favorit. Sein Bild Die vier Elemente hing in Hitlers Wohnzimmer; zudem wurde ihm das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP, die dritthöchste Parteiauszeichnung, verliehen. Als Präsident der Reichskammer der Bildenden Künste leitete er die Ausstellung Entartete Kunst in München. Außerdem war er für den Ausschluss vieler Künstler aus der Reichskunstkammer verantwortlich. Dem Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff beispielsweise untersagte er jegliche künstlerische Tätigkeit, ob professioneller Art oder nicht.