Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Und wo stehst du?“
Gottesdienst anlässlich des 74. Jahrestages des Novemberpogroms


Am Jahrestag des Novemberpogroms gestalten seit vielen Jahren alle weiterführenden Schulen am Ort gemeinsam einen Gedenkgottesdienst. Der Gottesdienst findet in Kooperation mit der Evangelischen und der Römisch-katholischen Gemeinde statt.

Ein Vorbereitungskreis, dem jeweils ein bis zwei Lehrerinnen und Lehrer der beteiligten Schulen sowie die Pfarrer der Gemeinden angehören, legt jeweils sowohl den thematischen Schwerpunkt des Gottesdienstes als auch dessen Ablauf fest und vereinbart, wie die inhaltliche Vorbereitung an den einzelnen Schulen erfolgen soll. Der Vorbereitungskreis trifft sich im Vorfeld des Gottesdienstes i. d. R. zweimal. In die Erarbeitung und Durchführung des Gottesdienstes sind die 9. oder 10. Klassen einer Hauptschule und zweier Gymnasien einbezogen, außerdem eine Klasse oder – wie im Jahr 2012 – einzelne Teilnehmende der jährlichen Gedenkstättenfahrt des ortsansässigen Berufskollegs.

Bei der Auswahl des thematischen Schwerpunkts wird darauf geachtet, dass ein konkreter regionaler Bezug besteht. Dadurch wird den Schülerinnen und Schülern (sowie den Gottesdienstteilnehmenden) deutlich, dass die Verfolgung der Jüdinnen und Juden auch vor Ort, im eigenen geographischen Lebensumfeld stattfand. Dies wird um so augenfälliger als vis a vis der Evangelischen Kirche, in der der Gottesdienst stattfindet, die Synagoge stand, an die nunmehr eine Gedenktafel erinnert.

Ein weiterer wichtiger Aspekt bei der Vorbereitung ist, dass die Schülerinnen und Schüler neben der historischen Dimension auch die Frage nach der Bedeutung für das heutige Leben in den Blick nehmen, und dass beides im Gottesdienst zur Sprache kommt.

Im vergangenen Jahr haben wir den Gottesdienst unter die Überschrift "Und wo stehst du?" gestellt. Bei der Vorbereitung und Gestaltung des Gottesdienstes haben wir mit dem Bericht von Paul Salitter bzw. der Zeugenaussage von Hilde Sherman-Zander aus dem Yad VaShem-Material "Deportationen – Täter, Mitläufer, Opfer. Ein multiperspektivischer Workshop" gearbeitet.

Warum dieses Material?

Folgende Überlegungen haben zur Auswahl des Materials geführt:

Die dort beschriebene Deportation vom 11. Dezember 1941 hat einen lokalen Bezug zu unserer Gegend, da mit diesem Transport auch zahlreiche Juden und Jüdinnen aus den Städten und Dörfern unserer Region deportiert wurden.

Die Fokussierung auf zwei Individuen gibt der ansonsten oft als anonym wahrgenommen „Masse“ der Opfer und Täter im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht. Dies ermöglicht den Schülerinnen und Schülern einen leichteren Zugang zur und eine persönlichere Auseinandersetzung mit der Thematik als es über Zahlen und Fakten allein möglich ist.

Wie wurde das Material eingesetzt?

Die Schülerinnen und Schüler der unterschiedlichen Schulen haben sich im Vorfeld des Gottesdienstes mit den Texten von Salitter und Sherman unter zwei Gesichtspunkten beschäftigt.

Zunächst haben sie Salitters Bericht und Shermans Zeugenaussage sprachlich und inhaltlich vergleichend analysiert. Auf diesem Wege konnten die Schülerinnen und Schüler einerseits Salitters Motivation, seine Einstellung zu Menschen und Handlungen und letztlich seine Rolle im Mordgeschehen entschlüsseln und dadurch in der Person von Paul Salitter einem Menschen „begegnen“, der in verantwortlicher Position an der Deportation beteiligt war und damit einen aktiven Beitrag zur Umsetzung des nationalsozialistischen Massenmords an den europäischen Jüdinnen und Juden leistete (Täterperspektive). Andererseits bietet diese vergleichende Bearbeitung des Materials die Möglichkeit in der Person von Hilde Sherman die individuelle menschliche Tragödie der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik wahrzunehmen und zu begreifen (Opferperspektive).

Ausgehend von den Texten von Salitter und Sherman, haben die Schülerinnen und Schüler in einem zweiten Schritt (arbeitsteilig) einer an der Deportation im weitesten Sinn beteiligten Person/Personengruppen unter folgenden Aufgabenstellungen eine Stimme verliehen:

Welche Rolle spielt die jeweilige Person/Personengruppe?
Wie lässt sich das Verhalten der jeweiligen Person(en) erklären?
Was geht ihr/ihnen möglicherweise durch den Kopf?
Lasst die Person(en) sprechen.

So entstanden kurze Szenen, in denen einer Familie, die aus ihrer Wohnung auf den Sammelplatz schaut, der im Bericht erwähnten Putzfrau, dem Lokführer, dem Stationsvorsteher und den Rot-Kreuz-Schwestern eine Stimme verliehen wurde. Dadurch eröffnete sich ein multiperspektivischer Blick auf ein historisches Ereignis und ließ es zugleich sprechend für die Gegenwart werden.

Bei der zuschauenden Familie und den Rot-Kreuz-Schwestern haben die Schülerinnen und Schüler die unterschiedlichen möglichen Gedankengänge, die das Geschehen auslöst, auf verschiedene Personen „verteilt“. Bei zwei Personen (Putzfrau und Stationsvorsteher) haben sie unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten in die jeweilige Person hinein verlegt, d. h. sie haben zu diesen beiden Personen jeweils mehrere denkbare Gedankengänge entwickelt. Für die zuletzt genannte Variante spricht, dass dadurch für die Schülerinnen und Schüler (und die Gottesdienstteilnehmenden) eher deutlich wird, dass das Individuum (fast) immer eine Wahlmöglichkeit hat. Diese Variante birgt aber leider die Gefahr, dass es auf die Zuhörenden verwirrend wirkt. Man wird daher im Einzelfall abwägen müssen, auf welche Weise sich Verständlichkeit und „Botschaft“ (Wahlmöglichkeit des Individuums) am besten miteinander vereinbaren lassen.

Paul Salitter und Hilde Sherman kamen im Gottesdienst mit ihren Originaltexten zu Wort. Von einer zusätzlichen „Stimmverleihung“ wurde daher abgesehen.

Welche Rolle spielte das Material im Gottesdienst?

Im Zentrum des Gottesdienstes stand die Gegenüberstellung des Salitter-Berichtes und der Sherman-Zeugenaussage, die von einer Sprecherin und einem Sprecher vorgetragen wurden. An ausgewählten Stellen wurde die Lesung von kurzen Szenen mit den möglichen Gedankengängen der beteiligten Personen unterbrochen. Den Schülerinnen und Schülern ist es dabei gelungen, die Beiträge so zu gestalten, dass sie einerseits die historische Perspektive im Blick behielten, anderseits aber auch sprechend für heutige Entscheidungssituationen wurden.

"Requisiten" wurden sehr spärlich eingesetzt (z. B. hatte der Stationsvorsteher eine Kelle in der Hand, die Rot-Kreuz-Schwestern eine weiße Armbinde mit rotem Kreuz, die Putzfrau einen Staubwedel). Die "Requisite" sollte kenntlich machen, dass die Schülerinnen und Schüler in einer bestimmten Rolle agieren, sie wurde aber "spärlich" eingesetzt um das Ganze nicht in ein Theaterstück zu verwandeln.

Die Textlesung mit den eingestreuten Szenen wurde eingerahmt durch kurze Hintergrundinformationen zur Organisation der Deportationstransporte und zu den Personen Paul Salitter und Hilde Sherman, sowie einige projizierte historische Fotografien.

Weitere gottesdienstliche Elemente

Der Chor und das Orchester eines der beteiligten Gymnasien gestaltete den Gottesdienst musikalisch.

Die Liturgie beinhaltete außerdem Lieder, Gebete und eine Kurzpredigt.

Der Gottesdienst endete mit einem gemeinsamen Gang der Gottesdienstteil-nehmenden zum ehemaligen Standort der Synagoge vis a vis der Kirche. Dort wurden die Namen der aus dem Ort deportierten Jüdinnen und Juden verlesen.

Hinweise zum beigefügten Material

Im Anhang findet sich der Salitter-Sherman-Text in der Version, die im Gottesdienst eingesetzt wurde. Dafür wurden die im Yad VaShem-Unterrichtsmaterial „Deportationen – Täter, Mitläufer, Opfer“ abgedruckten Texte deutlich gekürzt (Anlage 1).

Die Pfeile mit den Ziffern geben an in welcher Reihenfolge die Textabschnitte (von einem weiblichen und einem männlichen Sprecher) gelesen wurden.

Dort, wo der Ziffer eine Abkürzung beigefügt ist, haben die Schülerinnen und Schüler der unterschiedlichen Schulen ihre Überlegungen vorgetragen. Die entsprechenden Texte finden sich im zweiten angehängten Dokument. "Die Putzfrau" und "der Stationsvorsteher" wurden mit jeweils zwei verschiedenen möglichen Gedankengängen vorgestellt (Anlage 2).

Die rahmenden kurzen Hintergrundinformationen sind als Anlage 3 beigefügt. Die Informationen auf der ersten Seite wurden vor der Textlesung Salitter-Sherman vorgetragen, die auf der zweiten und dritten Seite nach der Textlesung.