Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Outcast - Außenseiter“
Das Leben von Juden in Nazideutschland 1933 bis 1938

Ein Film in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln

Einleitung in das Konzept

Die oft als „Kristallnacht“ bezeichneten Ausschreitungen gegen Juden, ihre Geschäfte, Büros und Wohnungen und nicht zuletzt gegen die Synagogen und Betstuben in Deutschland und Österreich im November 1938 bedeuteten eine offene und auch öffentliche Brutalisierung der antijüdischen Politik der Nationalsozialisten. Die Ereignisse des Pogroms 1938 bilden im Rahmen der schulischen Auseinandersetzung zum Nationalsozialismus und der Judenverfolgung oft einen wesentlichen thematischen Schwerpunkt. Dies liegt daran, dass über den Novemberpogrom wie kaum über ein anderes Ereignis der Judenverfolgung bis zu den Deportationen ein konkreter regionaler Bezug hergestellt werden kann, der den Schülern verdeutlicht, dass diese Verfolgung vor Ort, in der Umgebung ihrer eigenen Lebenswelt stattfand. Spuren dieser Tage der Zerstörung und Verfolgung sind zumeist sichtbar – u.a. Gedenksteine für niedergebrannte Synagogen oder Häuser, die einst als Synagogen dienten. Um den Unterricht zu diesem Thema zu gestalten, liegen viele Publikationen vor, in denen die Vorgeschichte und Abläufe – die Systematik – der Novemberpogrome detailliert vorgestellt werden. Der Schwerpunkt liegt dabei jedoch oft nicht auf den Erfahrungen der jüdischen Opfer.
In Yad Vashem wird vor allem die jüdische Binnensicht vor und während des Holocausts vermittelt. Ausgehend von der pädagogischen Leitlinie der Internationalen Schule für Holocaust-Studien in Yad Vashem/Israel wurde auch der Ihnen vorliegende Film und die dazugehörige Handreichung erarbeitet. Der vollständige Text des pädagogischen Konzepts der ISHS ist hier in deutscher Sprache abzurufen.

Anforderungen und Inhalte der Videopräsentation

Zielgruppe: Schülerinnen und Schüler der Oberstufe des öffentlichen und privaten Schulsystems sowie Jugendliche derselben Altersstufen in der außerschulischen Bildung.
Da der Film in englischer Sprache mit deutschen Untertiteln ist, wäre es gut, wenn es den Schülern trotz der deutschen Untertitel zumindest in groben Zügen möglich wäre, dem Original zu folgen, da dies für die Schüler in manchen Passagen von zusätzlichem Gewinn wäre.
Methode:

  • Hinführung zum Thema
  • Präsentation des Videofilms
  • Diskussion
  • Kreatives Arbeiten

Dauer: Drei Unterrichtsstunden à 45 Min.
Materialien: Der dokumentarische Videofilm „Outcast – Außenseiter“ berichtet – begleitet von dem amerikanisch-jüdischen Schauspieler Michael Schneider – über das Leben der Juden im nationalsozialistischen Deutschland und den Folgen des Novemberpogroms. Der Film basiert auf zeitgenössischem Dokumentarmaterial und Zeugenaussagen Überlebender, die 1938 in jugendlichem Alter waren. Der Film vermittelt eindringlich das Ausmaß des Schmerzes, den die „Kristallnacht“ bei vielen deutschen Juden auslöste.
Länge des Films: ca. 40 Minuten.
[Eine weitere Unterrichtseinheit zum Thema Novemberpogrom, „Doch die Geschichte endete anders …“, bestehend aus einer Plakatmappe, einem Film und umfassenden Begleitmaterialien (Texte und Bilder), kann bei Bedarf bei Yad Vashem bestellt werden.]

Zum Konzept der Unterrichtseinheit
  1. Die Einheit behandelt das Leben der Juden in Deutschland von 1933 bis 1938. Über Dokumentarmaterial und Zeitzeugenberichte lernen die Schüler auf altersgemäße Art und Weise die Geschichte auf der Ebene des Individuums und seiner Position innerhalb des historischen Prozesses kennen.
  2. Der Film führt in den Alltag von Juden im nationalsozialistischen Deutschland ein und vermittelt ein Bild vor allem der jüdischen Reaktionen und Aktivitäten angesichts der zunehmenden Isolation und Verfolgung.

Es wird angenommen, dass die Schüler vor der Präsentation des Videos bereits in das Thema des Nationalsozialismus eingeführt worden sind.

Stunden 1 und 2: Hinführung zum Thema, Präsentation des Videofilms und Diskussion

Hinführung zum Thema
Als erster Schritt empfiehlt sich eine knappe Zusammenfassung der historischen Ereignisse durch den Lehrer.
Über die Projektion eines oder beider im Anhang befindlichen Fotos und eine nachfolgende kurze Bildbeschreibung durch die Schüler selbst werden sie in einem zweiten Schritt aktiv auf das Thema eingestimmt.
In die Fragen an die Schüler können folgende Themen einbezogen werden:

  • Zuschauer / Täter
  • Opfer
  • Gruppenverhalten
  • Außenseiter
  • Demütigung in aller Öffentlichkeit

Die Schüler können die möglichen Reaktionen oder, wo sichtbar, den Gesichtsausdruck der Zuschauer beschreiben.
Sie können beschreiben, was sie empfinden, wenn sie sich die Juden ansehen, die gedemütigt werden.
Sie können sich dazu äußern, ob Menschen Außenseiter sind oder ob und wie sie dazu gemacht werden.

Präsentation
Die Schüler werden den Pogrom 1938 durch den Film und vor allem die Zeitzeugenberichte völlig anders erleben als durch NS-Dokumente oder einzelne Bilder zerstörter und brennender Synagogen. Unterschiedlichste emotionale und kognitive Reaktionen während des Films sind natürlich.
Es ist des weiteren zu bedenken, dass vordergründig negative Reaktionen wie z.B. Belustigung oder Äußerungen des Befremdens durchaus im Rahmen des Möglichen und nicht pauschal zu verurteilen sind. Die Auseinandersetzung mit weinenden Erwachsenen oder orthodoxen Juden ist in der Regel ungewohnt und kann daher solche Reaktionen hervorrufen.

Stunde 2: Unterrichtsgespräch zum Film

Diskussion im Plenum

Impulsfragen zum Inhalt Generell Varianz möglicher Antworten
Warum heißt der Film „Außenseiter“? Weil die Juden zu Außenseitern gemacht wurden.
Weil Juden nicht mehr zur Gesellschaft dazu gehörten.
Juden hatten auch selbst das Gefühl, Außenseiter zu sein.
Weshalb behauptet der Schauspieler Michael Schneider eingangs, man denke, man wisse alles über den Holocaust – und wisse doch immer noch viel zu wenig?
Denkt dabei an das, was man an Fakten kennt und das, was man über das jüdische Leben während des Holocausts weiß.
Die Fakten sind bekannt.
Manche glauben, es wird viel zu viel darüber geredet und viel zu viel darüber im Fernsehen gezeigt.
Das Wissen über das, was die Juden dachten und fühlten, ist nicht sehr groß.
Man weiß wenig über die Reaktionen von Juden.
Warum greift die Erzählstruktur die Jahre von 1918 bis 1933 ebenfalls auf? Erscheint euch diese Zeit für die Entwicklung und den Aufstieg des Nationalsozialismus wichtig? Nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland im Vergleich mit den anderen Ländern benachteiligt.
Es gab wirtschaftliche und politische Probleme.
Die Nazis nutzten die Situation, um Propaganda für sich zu machen.
Weshalb fühlten sich viele Deutsche nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg gedemütigt? Der Krieg war verloren, die Ehre auch.
Man war abhängig von den Weisungen der Alliierten.
Die anderen Staaten bauten alles wieder auf, in Deutschland aber herrschte Not.
Beschreibt einige Merkmale jüdischen Lebens vor 1933. Assimiliert, waren Deutsche, Patrioten.
Nur die Religion unterschied sie von den Nichtjuden/Christen.
Man glaubte an Deutschland, an die Kultur.
Es gab auch schon vorher Antisemitismus und Angriffe.

Impulsfragen zum Inhalt Deutsche Reaktionen Varianz möglicher Antworten
Wieso war der Nationalsozialismus für viele Deutsche attraktiv und weshalb stellte der Antisemitismus kein Hindernis dar? Denkt an den Begriff „Sündenbock“. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg und inmitten der schwierigen Situation in der Weimarer Republik bot der Nationalsozialismus eine scheinbar „ehrenvolle“ Alternative. Die Nazis versprachen Arbeit, Ruhe, Ordnung und Ehre.
In der Bevölkerung gab es sowieso schon Antisemitismus.
Man wollte für sich – für die Deutschen – das Beste. Juden waren einem egal.
Man war bereit, Freiheiten aufzugeben, um aus der Situation herauszukommen.
Minderheiten werden in solchen Situationen zu Sündenböcken.
Die Olympiade 1936 war ein gut inszeniertes Schauspiel und zeigte zugleich die neue Stärke Deutschlands. Warum war es trotzdem kein „Fest der Völker“? Denkt an die Fackelzüge und die militärische Ausrichtung des damaligen deutschen Sports. Es war ein militärisches Sportereignis.
Die Sportstadien waren symbolische Schlachtfelder.
Deutschland wollte beeindrucken, nicht versöhnen.
Die anhaltenden Verletzungen der Regelungen des Versailler Vertrags schienen den Deutschen ihr Selbstbewusstsein zurückzugeben. Warum gab es in diesem Zusammenhang aber kein Unrechtsbewusstsein? Es schien aufwärts zu gehen, die Arbeitslosigkeit sank.
Es gab eine Aufbruchstimmung.
Dafür nimmt man auch Unrecht in Kauf – wenn es einem selbst besser geht.
Begeisterung für die neue Situation.
Der Novemberpogrom geschah unter den Augen der Bevölkerung. Wie stellt ihr euch die verschiedenen Reaktionen Deutscher vor? Scham
Wut
Freude
Schadenfreude
Neugier
Genugtuung
Der Novemberpogrom war eine offene und öffentliche Radikalisierung der antijüdischen Maßnahmen.
Könnt ihr euch vorstellen, dass man sich nach und nach daran gewöhnen kann, dass Nachbarn und ehemalige Arbeitskollegen ausgegrenzt und schließlich verschleppt werden?
Es gab eine schrittweise Ausgrenzung, also gewöhnte man sich nach und nach daran.
Es ist möglich, sich an Unrecht zu gewöhnen.
Solange man selbst in Sicherheit lebt und einem nichts geschieht, ist man bereit, solche Dinge hinzunehmen.

Impulsfragen zum Inhalt Reaktionen des Auslands Varianz möglicher Antworten
Das Ausland hielt erstaunlich still angesichts der Verletzungen des Versailler Vertrags durch Deutschland. Warum?
Warum überließ man Deutschland sogar Österreich oder das Sudetenland?
Angst vor einem neuen Krieg, Versuch, Deutschland in einem gewissen Rahmen Zugeständnisse zu machen.
Man dachte, irgendwann wäre die Expansion ausgereizt und Deutschland zufrieden.
Glaubt ihr, dass das Ausland anders hätte reagieren müssen oder können? Ja, dann wäre der Krieg nicht so lange gewesen.
Ja, dann hätte man den Holocaust verhindert.
Nein, weil man nicht wusste, was noch geschehen würde.
Nein, weil man wirklich daran glaubte, den Frieden zu bewahren.
Weshalb schlossen die Staaten der Welt nach und nach ihre Grenzen für jüdische Flüchtlinge?
Denkt auch an die Flüchtlingspolitik der Gegenwart und die Argumente, „das Boot sei voll“.
Antisemitismus
Wirtschaftliche Probleme
Flüchtlinge wurden in der Welt noch nie gerne aufgenommen, bis heute nicht.
Angst vor „Fremden“.

Impulsfragen zum Inhalt Jüdisches Leben Varianz möglicher Antworten
Was bedeutete die Ausgrenzung von 1933 an für das Selbstverständnis der Juden in Deutschland? Bruch mit bisherigem Leben
Keine Sicherheit
Armut, Traurigkeit
Orientierungslosigkeit, Einsamkeit
a) Wie reagierten Juden auf diese neue Situation?
b) Warum gingen einige Juden nicht weg, obwohl sie Papiere hatten?
a) Abwenden von Deutschland, Suche nach jüdischer Zugehörigkeit, Zionismus, Auswanderungsbestrebungen.
b) Man wollte die Eltern oder Freunde nicht im Stich lassen.
Verantwortungsbewusstsein für jüngere, um die man sich kümmerte.
Wieso schien das Jahr 1936 eine Zeit der Stabilisierung zu sein? Ließen sich Juden täuschen? Die Olympiade sollte ein sauberes, schönes Deutschland zeigen.
Juden glaubten, die schlimmste Phase sei vorbei.
Man hatte noch immer Hoffnung.
Wie stellt ihr euch das Leben eines jüdischen Kindes oder Jugendlichen von 1933 bis 1938 vor? Denkt an die Zeugenaussagen! Freundschaften hören plötzlich auf
Angriffe auf Schulhöfen
Jüdische Kinder sind isoliert
Wenn ihr euch die Zeugenaussagen in Erinnerung ruft, was ist euch besonders in Erinnerung geblieben?
Denkt auch daran, wie über die Nazis gesprochen wird.
Trauer
Fassungslosigkeit
Keine Wut
Abgrenzung
Die Nazis sind immer nur „sie“. Sie erscheinen als große, bedrohliche Masse.
Wie haben eurer Meinung nach die einzelnen Zeugen das Erlittene verarbeitet? Es fällt vielen schwer, damit umzugehen.
Manche wirken noch immer bestürzt, andere distanziert.
An keinem ist es spurlos vorübergegangen.

Impulsfragen zum Filmaufbau
Wie hat es euch gefallen, dass der Schauspieler Michael Schneider euch durch den Film führte?
Wie fandet ihr die Zusammenstellung der Fotos und Filmausschnitte innerhalb des gesamten Films?
Wie haben die Zeitzeugen auf euch gewirkt? Wer hat euch besonders beeindruckt oder welche Aussage hat euch besonders bewegt?
Was waren eure Gefühle während des Films? Was ging euch spontan durch den Kopf?
Was würdet ihr für einen Dokumentarfilm zu diesem Thema machen, wenn ihr die Möglichkeit hättet und was würdet ihr anders machen?
Stunde 3: Kreatives Arbeiten

Überlegt gemeinsam, was ihr aus euren Erkenntnissen und Gedanken machen könnt. Teilt euch in Arbeitsgruppen auf.

  • Macht euch auf die Spurensuche jüdischen Lebens in eurer Stadt – findet etwas heraus über das Leben der Juden unter nationalsozialistischer Herrschaft. Teilt euch in Gruppen auf, wobei eine die „Arisierung“ jüdischer Geschäfte und die andere die Auswanderung von Juden untersucht usw.
  • Gestaltet eine Ausstellung zur Geschichte des Novemberpogroms in eurer Stadt oder Region.
  • Gestaltet eine Internet-Homepage, auf der ihr die Geschichte des Novemberpogroms in eurer Stadt oder Region erzählt.
  • Produziert eine Reportage zum Thema von 5 bis 10 Minuten, die ihr in der Schule vorführt, und diskutiert mit den anderen Schülern darüber.
  • Erzählt, basierend auf euren neu erworbenen Kenntnissen, die fiktive Geschichte eines jüdischen Jugendlichen, der um 1918 geboren wurde und der 1938 auswandert. Packt einen Koffer, den er mitnimmt in das Exil und erzählt anhand der Gegenstände sein Leben (von euch gestaltete Fotos, Bücher usw., Kleidung – wo geht er hin? USA oder Palästina usw.). Berichtet auf einer Begleittafel über sein Leben.
  • Schreibt ein eigenes kurzes Theaterstück über das Leben einer jüdischen Familie in Deutschland zwischen 1933 und 1938 und führt es in eurer Schule auf.
Literaturtipps

Der Nationalsozialismus und die Juden in Deutschland
Wolfgang Benz (Hrsg.), Die Juden in Deutschland 1933-1945. Leben unter nationalsozialistischer Herrschaft, C.H. Beck Verlag, München 1996.
Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. Band 1. Die Jahre der Verfolgung 1933-1939, C.H. Beck, München 1998.
Eberhard Jäckel und Otto Dov Kulka (Hrsg.), Die Juden in den geheimen NS-Stimmungsberichten 1933-1945, inklusive CD-ROM, Droste Verlag, Düsseldorf 2004.
Walter Lacqueur, Geboren in Deutschland. Der Exodus der jüdischen Jugend nach 1933, Propyläen, Berlin 2000.

Bücher für junge Lesende
Michael Degen, Nicht alle waren Mörder. Eine Kindheit in Berlin, 3. Auflage, Ullstein Verlag, München 2001.
Lutz van Dijk, Der Attentäter. Herschel Grynszpan und die Vorgänge um die „Kristallnacht“, Rowohlt Verlag, Reinbek 1988.
Rebekka Göpfert (Hrsg.), Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern nach England 1938/39, 2. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1997.
Cilly Levitus-Peiser, Zu keinem ein Wort, Elefanten-Press, Berlin 2002.
Victor Klemperer, Das Tagebuch 1933-1945. Eine Auswahl für junge Leser. Mit Anregungen für den Unterricht, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 1999.
Carlo Ross, …aber Steine reden nicht, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1991.

* Redaktion und Bearbeitung der Untertitel in deutscher Sprache: Dr. Susanne Urban
Beratung: Dr. Noa Mkayton
Yad Vashem, 2005.