Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Erinnerungsfragmente” - Die Gesichter hinter den Dokumenten, Objekten und Fotografien

Unterrichtsentwurf basierend auf dem nationalen Plakatwettbewerb für den Holocaustgedenktag 2011.

Übersetzung und Redaktion: Chani Hinker, Franziska Reiniger, Anna Stocker
Zielgruppe: Schülerinnen und Schüler ab 15 Jahren.
Dauer: 90 Min

Inhalt:


Einführung

Der Gewinner des ersten PreisesDer Gewinner des ersten Preises

Im Fokus dieses Unterrichtsentwurfes steht der Entwurf für ein Poster von Avda Loutaty, einer Studentin an der Open University, Israel, die im Posterwettbewerb anlässlich des Holocaustgedenktags 2011 unter 180 Einreichungen den ersten Platz gewonnen hat. Am Holocaustgedenktag gedenkt der Staat Israel der sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die von den Nazis und ihren Kollaborateuren ermordet wurden. Es ist ein Tag der persönlichen und kollektiven Erinnerung, ein Tag des Gedenkens an die Opfer und die Überlebenden und der Thematisierung der Gefahren des Antisemitismus und des Rassismus. Jedes Jahr begeht Israel den Holocaustgedenktag mit offiziellen Gedenkveranstaltungen in Schulen und mit einer Vielzahl von lokalen und nationalen Zeremonien.
Der Wettbewerb wurde von Yad Vashem und dem israelischen Informations- und Diasporaministerium veranstaltet.
Die Jury hat den Entwurf ausgewählt, da es „[…] sich um einen ausgezeichneten Entwurf handelt, dessen Verständnis großen Aufwand erfordert. Das Plakat beschäftigt sich mit der Tatsache, dass Erinnerung die Tendenz hat zu verblassen […] Das wird vor allem durch die beabsichtigte Unschärfe der dramatischen Bildteile ausgedrückt. Das beunruhigende Verbergen der Gesichter der Menschen stellt einen Dialog mit dem Rahmen des Plakats her, der im Stil einer Todesanzeige gehalten ist.”[1]

Im folgenden Unterrichtsentwurf wird die Bedeutung des Themas „Gedenken” am Beispiel dieses Posterentwurfs in seiner Komplexität beleuchtet und diskutiert.

Den Lernenden wird das Plakat gezeigt, um eine Diskussion über das Gedenken der Shoah[2] in der Klasse anzuregen, mit Fokus auf das Thema „‚Erinnerungsfragmente’- Die Gesichter hinter den Dokumenten, Objekten und Fotografien.”
Objekte oder Fotografien können einen assoziativen Bogen zu einer Person herstellen und dadurch eine empathische Lernhaltung der Schülerinnen und Schüler fördern.

Stundenentwurf
  • Was sieht man auf dem Plakat?

Die Antworten der Schülerinnen und Schülern bilden die Basis für den folgenden Dialog, egal, ob sie sich auf die visuellen Merkmale des Plakats beziehen - das Foto, eine Familie, der schwarze Trauerrand - oder ob sie komplexere Gedanken und Ideen anschneiden.

Analyse des Plakats – Vorschlag
Das Plakat wird von einem schwarzen Rand, der das Bild einer jüdischen Familie, die vor dem Holocaust in Europa lebte, eingefasst. Die Bildmitte ist mit einem dunklen Trauerflor bedeckt, der die Gesichter der Familienmitglieder verschleiert. Die Gesichtszüge der Menschen auf dem Foto enthüllen sich nur durch genaues Hinsehen. Die Worte „Holocaust Martyrs´ and Heroes´ Remembrance Day” - Gedenktag für die Märtyrer und Helden des Holocaust[3] sind in der Mitte des Plakats aufgedruckt, das Wort „Remembrance” - „Gedenken” ist gelb hervorgehoben.

Die Struktur des Plakats
Bevor die Einzelheiten des Plakats diskutieren werden, sollte versucht werden, seine Gesamtstruktur als künstlerischen Entwurf zu verstehen. Erstens weist das Plakat einen breiten schwarzen Rand auf, ähnlich einer Todesanzeige, deren Text (in diesem Fall handelt es sich um ein Familienfoto) in der Mitte steht und die Person (in diesem Fall geht es - wie später behandelt - um mehrere Personen), um die getrauert wird, repräsentiert.
Der Text in der Mitte des Plakats – „Holocaust Martyrs´ and Heroes´ Remembrance Day” – „Holocaustgedenktag” - rückt das Thema der Erinnerung an die Opfer des Holocaust, ihre Existenz und ihr Vermächtnis, ins Zentrum.

Folgende Fragen können den Lernenden zur Eröffnung gestellt werden:

  • Welche Rolle spielen Objekte, Dokumente und Fotos für unser Gedenken an jene, die im Holocaust ermordet wurden?
  • Welche Bedeutung haben diese „Erinnerungsobjekte” für überlebende Angehörige? Für Außenstehende? Für später Geborene?
  • Was trägt die Vorlage einer Todesanzeige zur Botschaft des Plakats bei?
  • Was ist „Gedenken”? Kann man sich nur an Dinge erinnern, die man selbst erlebt hat? Kann man die Erinnerung an die Existenz und das Leben jener, die in der Shoah ermordet wurden, in das Bewusstsein einbauen?

Die Verschleierung - der schwarze Trauerflor
Das Plakat zeigt uns eine verschleierte Fotografie. Dabei ist die Verschleierung die augenfälligste Botschaft – die Betrachterin und der Betrachter müssen das Bild hinter dem schwarzen Flor suchen. Aber zuerst sollten sie sich mit der Bedeutung des Trauerflors beschäftigen.

  • Warum liegt ein schwarzer Flor über dem Foto?

Wie berührt diese Verschleierung uns, die Betrachterinnen und Betrachter? Es scheint dass der Trauerflor die Ermordung der meisten Personen auf dem Foto symbolisiert. Im Zweiten Weltkrieg ermordeten die Nazis ca. sechs Millionen Jüdinnen und Juden in ganz Europa. Eine ganze Welt wurde in der Shoah ausgelöscht, von der kaum etwas überblieb, um ihrer zu gedenken.
Die Vernichtung hat eine Leere zwischen den heutigen Generationen und den Opfern geschaffen. Man weiß nur wenig über das Leben der Opfer. Außer den Morden symbolisiert der schwarze Flor deshalb auch unsere Distanz zur Lebenswelt dieser Menschen. Diese Distanz ist das Resultat der Vernichtung und der seither vergangenen Zeit, und sie macht das Erinnern schwierig.
Die Gesichter der abgebildeten jüdischen Familie sind verhüllt. Das führt dazu, dass wir sie klarer sehen möchten, um herauszufinden, wer sie waren - damit wir wissen, um wen und was getrauert wird.

Um diesen Zweck zu erfüllen, muss man sich darum bemühen, das Verborgene und Unscharfe zu enthüllen und eine ausgelöschte Welt zu entdecken.

Enthüllt - was liegt hinter dem Trauerflor verborgen?

Herschel Yoffe, seine Frau Gittel Rabinovitz Yoffe, ihre Kinder Abramele und Rachel Rosa (die das Foto zur Verfügung stellte), mit ihrer Tante, 23. Oktober 1932.Herschel Yoffe, seine Frau Gittel Rabinovitz Yoffe, ihre Kinder Abramele und Rachel Rosa (die das Foto zur Verfügung stellte), mit ihrer Tante, 23. Oktober 1932.

Fragen an die Schülerinnen und Schüler:

  • Was sieht man jetzt hinter dem Trauerflor?
  • Wie kann man die jüdische Familie aus der Zeit vor dem Holocaust beschrieben?

Aus vielen Gründen neigen wir dazu, uns die Opfer des Holocaust als sehr verschieden von uns vorzustellen, als weit weg von unseren täglichen Erfahrungen. Viele Leute beschreiben zum Beispiel, dass die Jüdinnen und Juden der Vorkriegszeit in Dörfern und Kleinstädten wohnten, so wie jüdische Gemeinden jahrhundertelang vor dem zwanzigsten Jahrhundert gelebt hatten. Die jüdischen Gemeinden dieser Städte wurden auf eine bestimmte Weise charakterisiert - ähnlich dem Bild der Familien im Musical „Anatevka” - Rabbiner, religiöse Fleischhauer, Beschneider und eine Mischung aus Arbeiten wie Schuhmacher und Milchmann - eine Welt also, die sich von unserer heutigen erheblich unterscheidet.

Aber hinter dem schwarzen Flor des Plakats wird eine moderne jüdische Familie enthüllt, die vielleicht nicht mit unseren Vorstellungen übereinstimmt. Das Bild schafft keine Distanzen oder Unterschiede, sondern vielmehr Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten.

Das Foto zeigt die Familie Yoffe, die vor dem Krieg in Paris lebte. Der Familienvater, Herschel Yoffe, verdiente seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Lederhandtaschen. Ende der Zwanzigerjahre heiratete er Gittel Rabinovitz. Wir sehen auch ihre Kinder - Rachel Rosa and Abramele - sowie eine Tante. Wir wissen, dass Herschel und Gittel in den Zwanzigerjahren Eretz Israel besuchten. Auf einem Foto ist Herschel in Tel Aviv zu sehen.
Das ist eigentlich schon alles, was man über die Familie weiß. Aber wir können uns dennoch vorstellen, was Leute und Familien wie sie sich in ihrem Leben erhofften und erträumten. Was könnte sich das Ehepaar gewünscht haben?
Wie sah es seine Zukunft? Welche Zukunft wollte es für seine Kinder?
Die europäische jüdische Welt war heterogen. Die Familie Yoffe, die auf dem Plakat abgebildet ist, stellt eine Art Fenster in diese vielfältige jüdische Welt dar.

Gittel Rabinovitz und Herschel Yoffe nach ihrer Hochzeit, Paris, 24. Juni 1928.Gittel Rabinovitz und Herschel Yoffe nach ihrer Hochzeit, Paris, 24. Juni 1928.
Herschel Yoffe und sein Bruder Rafoel Yoffe arbeiten als Maurer, Tel Aviv, 1924Herschel Yoffe und sein Bruder Rafoel Yoffe arbeiten als Maurer, Tel Aviv, 1924
Gittel Rabinovitz und ihre Freundinnen, Eretz Israel, 1926Gittel Rabinovitz und ihre Freundinnen, Eretz Israel, 1926

Die Interpretation - Wie tritt das Gedenken jetzt in Erscheinung?
Fragen an die Schülerinnen und Schüler:

  • Was bedeutet der Holocaustgedenktag heute?
  • Warum ist das Wort „Remembrance” - „Gedenken” gelb hervorgehoben?

Nachdem der schwarze Flor, der über dem Plakat lag, gehoben und die Menschen und ihre Welt dahinter enthüllt wurden, kann man damit beginnen die Geschichte und Bedeutung des Plakats zu verstehen und damit die Bedeutung des Holocaustgedenktages. Die Massenvernichtung steht nicht mehr im Mittelpunkt der Trauer, sondern stattdessen existiert eine reale, konkrete Trauer um die Menschen, die Familien und die Gemeinden, die es nicht mehr gibt. Das erfüllt die Trauer mit Inhalt und daher mit einer tieferen Bedeutung.
Verborgen hinter dem Trauerflor repräsentiert die Familie auf dem Foto eine ganze Welt, die nicht mehr existiert, was die Gedenkkultur, vor allem im nichtjüdischen Umfeld vor eine Herausforderung stellt.

Vorschläge für Aktivitäten am Schluss der Unterrichtsstunde - Erinnerungsfragmente sammeln und ausstellen

  • Erster Vorschlag
    Jede Lerngruppe wählt eine Person, der ein Gedenkblatt in Yad Vashem gewidmet ist. Die Datenbank der Namen der Holocaustopfer kann nach Nachnamen, Vornamen aber auch Orten durchsucht werden. In einigen Gedenkblättern sind nur wenige persönliche Daten angegeben.
    Zuerst sollten die Schülerinnen und Schüler versuchen anhand der Informationen Lücken zu benennen und Fragen herauszuschreiben, sowie Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen dem eigenen Leben und dem der Person, der das Gedenkblatt gewidmet ist, aufzuzeigen.
    Dann kann die Gruppe in eigenständiger Recherche versuchen, die leeren Stellen auf dem Gedenkblatt auszufüllen, indem die erhaltenen Informationen ergänzt werden. Wenn zum Beispiel der Name des Ortes, aus dem die Familie der Person stammt, angegeben ist, kann die Gruppe Informationen über den Ort im Internet oder in der Schulbibliothek herausfinden.
    Am Ende präsentiert jede Gruppe die von ihr durchgeführten „Nachforschungen” der ganzen Klasse.
  • Zweiter Vorschlag
    Jeder Lernende wird gebeten, ein Objekt, ein Foto oder Dokument aus der Datenbank von Yad Vashem herauszusuchen und einfache Nachforschungen darüber anzustellen. Die Schülerinnen und Schülern sollten herausfinden, wem das Objekt gehörte, was es dieser Person bedeutete, wie es benutzt wurde welche Geschichte im Zusammenhang mit diesem verbunden ist - und auch, was uns das Objekt heute bedeutet.

Über Ihre Rückmeldungen würden wir uns freuen, bitte wenden Sie sich diesbezüglich an germany.education@yadvashem.org.il.



[1] KomiteeYad Vashem, Posterwettbewerb, 2011.
[2] „Shoah” ist ein Synonym für „Holocaust“. Shoah kommt aus dem Hebräischen und bedeutet „Katastrophe”. Generell meint man mit Shoah die ideologisch vorbereitete und industriell durchgeführte Vernichtung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden während der Zeit des Nationalsozialismus.
[3] Der offizielle Name von Yad Vashem ist „Yad Vashem - Gedenkstätte für Holocaust und Heldentum“. Daraus entstand auch der Titel für den Gedenktag.