Die Internationale Schule für Holocaust-Studien (ISHS)

„Tommy“

Projekt z.B. für den Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus (27. Januar)


Zielgruppe: Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufe 6 (evtl. Klasse 5)
Stundenbild für 3 Unterrichtsstunden


Konzept der Unterrichtseinheit:

  • Das Unterrichtsprojekt erarbeitet schrittweise ein Kinderschicksal im Ghetto an Hand der Zeichnungen des Vaters Bedrich Fritta. Nur die Zeichnungen des Vaters erinnern Tommy an seine frühe Kindheit und an seine Eltern, die in Theresienstadt ermordet wurden, als Tommy 3 Jahre alt war. Gleichzeitig sind in diesem Zeichenalbum alle Botschaften über den Holocaust zu finden.
  • Die Unterrichtseinheit kann an eine andere, wie zum Beispiel „Gern wär ich geflogen wie ein Schmetterling“ von Hannah Gofrith (Klasse 5), anknüpfen. Durch die Erinnerung an dieses Projekt wird die Thematik auf positive Weise und nicht als reiner Unterrichtsstoff bei den Schülerinnen und Schülern geweckt.
  • Grundbegriffe des Holocausts werden wieder aufgegriffen, erklärt, ergänzt und verständlich gemacht.
  • Das künstlerische Material bietet einen empathischen Zugang für die Schülerinnen und Schüler und streift dabei eigene Erfahrungswerte und Gedanken aus dem Alltag, wie z.B. Reisen, Berufe, Eltern/ Erwachsene, Probleme, die die Kindheit mit sich bringt, insbesondere aber die von Tommy.
  • Ziel bleibt es, Interesse und Empathie bei den Jugendlichen für ein Einzelschicksal zu wecken, mit ihnen in eine der wenigen „gut ausgehenden“ Geschichten einzutauchen. Hierbei wird stets darauf geachtet, dass sich Schülerinnen und Schüler einfühlen, nicht aber erschrecken sollen.

Ablauf der dreistündigen Unterrichtseinheit:

1. Stunde:
Eventuell Einstieg über die Frage: „Was wisst ihr noch vom Projekttag vor einem Jahr, warum gab es ihn u.a.“

Beginn sonst:
Sitzkreis (jede Schülerin / jeder Schüler hat Schreibzeug unter seinem Stuhl bereit liegen)
Die Lehrerin / der Lehrer stellt den Schülerinnen und Schülern nur kurz das bevorstehende Projekt vor und dass es erneut um ein Kinderschicksal (Tommy) geht. Er geht hier nicht ins Detail!

Die Tommy - Bildkarten mit vorbereiteten Bildunterschriften (siehe Material) auf den jeweiligen Rückseiten werden in der Mitte ohne irgendeine Ordnung verteilt. Die Schülerinnen und Schüler bekommen die Aufgabe, die Bildkarten wortlos zu ordnen. Bei auftauchenden Unsicherheiten darf auch umgedreht und gelesen werden. Es entsteht dabei automatisch eine stille Gruppendynamik, bei der die Schülerinnen und Schüler sich ohne Worte auf Gruppierungen zu den nicht ausgesprochenen Themen „Reisen“, Berufswünsche“, „Bedürfnisse“, u.a. einigen.

Ist so ziemlich alles geordnet, schreiben sie nun jeder für sich die Geschichte von Tommy an Hand der Kartenordnung in der Ich-Form bis zum 3. Geburtstag auf „Ich heiße Tommy und....“ (dabei bleibt der Sitzkreis, damit die SuS weitere Gelegenheit haben umherzugehen, sich die Karten ansehen können). Es entstehen hier meist niedliche kleine Geschichten, die eine Mischung aus eigenen Gedanken, Erfahrungen, Wünsche der Schülerinnen und Schüler und ersten Wahrheiten der Kindheitsgeschichte von Tommy darstellen. Diese werden nun auf freiwilliger Basis von einzelnen Schülerinnen und Schüler vorgelesen. In der folgenden Pause wird der Sitzkreis in die ursprüngliche Sitzordnung umgebaut

2. Stunde:
Die Lehrerin / der Lehrer knüpft an die Geschichten an, stellt gegebenenfalls fest, dass über die Karten schon sehr viel von Tommys tatsächlichem Schicksal herauszuhören war und erzählt nun die tatsächliche Geschichte von Tommy, auch ruhig über den 3. Geburtstag hinaus, s. Materialien. ( Betroffenheit der Schülerinnen und Schüler einplanen, genug Raum geben!)
Sie / er lässt nun die Schülerinnen und Schüler erzählen, was sie über das Leben in einem Ghetto schon / noch wissen.

Mit Hilfe der 3 Kinderzeichnungen (in Theresienstadt entstandene Bilder, die als Fensterbilder im Kindermuseum von Lohamei zu sehen sind) erschließen sich die Schülerinnen und Schüler die Zustände im Theresienstädter Ghetto. Möglich ist hier je nach Zeit und Medium der Bildübertragung eine Bildmeditation, bei der die Schülerinnen und Schüler auf 4 Karteikarten 4 Gefühle notieren, die die Zeichnungen ausstrahlen bzw. auslösen. Diese werden dann an einer Tafel sortiert und gruppiert. Ein Unterrichtsgespräch während des Anschauens der Bilder ist ebenfalls möglich. Zentrale Begriffe, wie „Gefangenheit“, „keine Freiheiten“, „Enge“, „Dunkelheit“, „Nummern statt Namen“, „Traurigkeit“, „Schattenseiten“, „gut und böse“ usw. sollten erkannt und im Zusammenhang mit Tommys Situation als kleines Kind diskutiert werden.

Pause.

3. Stunde:
Erneute Betrachtung ausgewählter Zeichnungen von Bedrich Fritta an seinen Sohn, nun auch aus anderer Perspektive (das Kartenmaterial hilft dabei), außerdem werden Farben und andere Details in den Blick genommen, die Schülerinnen und Schüler werden angeregt, selbst Ambivalenzen zu entdecken, die der Vater für die zwei Altersstufen des Sohnes versteckt hat: den kleinen Tommy (1) mit seinen kindlichen Emotionen und Bedürfnissen und den großen Tommy (2), der nun die Ausdrucksweise des Vaters verstehen lernt, wie auch den plötzlichen und viel zu frühen Verlust seiner Eltern.

Beispiele:

Tommy fegt! Tommy fegt!

Karte „Tommy fegt“- Ambivalenz: (1) – Tommy darf fegen, machen, was sonst nur Erwachsene machen; (2) – Tommy ist mit dem großen Erwachsenen-Besen völlig überfordert, ihn umgibt eine viel zu große, dunkle Staubwolke, übriges drückt sein Gesichtsausdruck aus, nämlich die völlige Überforderung eines kleinen Kindes mit seiner Situation.

 

 



Tommy Aua!Tommy Aua!

Karte „Tommy Aua!“ - Ambivalenz: (1) – ein kleines Kind verletzt sich auch mal, kann z.B. stürzen; (2) – bei näherem Hinsehen fällt auf, dass es sich nicht um einen kleinen Schnitt oder ähnliches handelt, sondern um eine große Verletzung an vielen Stellen, auch hier sagt Tommys Gesichtsausdruck, dass sein „Aua“ ein sehr großes, wenn nicht sogar ein „seelisches Aua“ ist.

 

 


Tommy mehr! - nicht genug!Tommy mehr! - nicht genug!

Karte „Tommy mehr! - nicht genug!“ - Ambivalenz: (1) – kleine Kinder, die Hunger haben schreien oder machen sich bemerkbar um an etwas Nahrhaftes zu kommen; (2) - das abgebildete Kind hier hat einen schon eher zornigen Gesichtsausdruck und dazu einen Bauch, wie ihn sonst nur hungernde Kinder in Afrika haben. Tommy hat den richtig großen für die meisten noch nie erlebten Hunger. Die Fragezeichen können auf verschiedene Weise gedeutet werden: warum sind unsere Töpfe leer?, was von dem vorhandenen lässt sich noch zu einem Essen zubereiten?, Wunschgerichte/ Lieblingsspeisen, die nicht erfüllt werden.



„Clown“ (schwer!)„Clown“ (schwer!)

Karte „Clown“ (schwer!) - Ambivalenz: (1) – kindliches Spiel mit einer Clown Puppe und einer Clown Verkleidung; (2) – die einzigen Spielgefährten von Tommy sind seine Eltern, da es im Getto kaum Kontakt zu anderen Kindern gab. Da das Bild vom Vater gemalt wurde, ist anzunehmen, dass der Vater hier die am Boden liegende, geschwächte Clownpuppe darstellt. Tommy ist sauer, dass sie nicht funktioniert bzw. mit ihm spielt. Die Puppe sagt still „ich kann nicht mehr“ und spiegelt so die Befindlichkeit des Vaters wider. Diese Deutung, wie auch die obigen sind nur Möglichkeiten und werden meist durch die Schülerinnen und Schüler in ein anderes Licht gerückt bzw. anders gesehen. Hierfür sollte die Lehrerin / der Lehrer unbedingt offen sein.

Mama und Papa sind böse!Mama und Papa sind böse!

Karte „Mama und Papa sind böse!“ - Ambivalenz: (1) – wenn Kinder ungezogen sind, werden Eltern auf ganz natürliche Weise auch mal böse; (2) – durch die Farben und Körperlosigkeit der Eltern, wie auch deren Position wird schnell deutlich, dass die Eltern aus dem Jenseits zu Tommy / dem Kind sprechen. Bedeutung: „Wir sind stets, in Freud und Leid, bei dir Tommy, auch wenn du uns nicht siehst!“ siehe auch Karte „Meine Mami, mein Papa Bedudu!“ die ähnlich gedeutet werden kann.

 

Andere Karten sind wiederum Hoffnungsträger für Tommy. Sie wollen Tommy sagen – das Leben geht für dich weiter, du wirst zum Markt gehen und dort einkaufen, in den Ferien in andere Länder verreisen, einen schönen Beruf erlernen, heiraten und letztlich die wichtige.

OnkelOnkel

Karte „Onkel“ - Ambivalenz: (1) – ein Spaziergang mit einem netten Verwandten; (2) – der Vater entlässt vertrauensvoll seinen Sohn in die Zukunft ohne ihn. Ein guter Freund von ihm, der Künstlerfreund Leo Haas nimmt sich seiner an und adoptiert ihn. Das Bild zeigt die beiden von hinten, sie entfernen sich vom Vater!

 

 

 

Anmerkungen für die Lehrerin / den Lehrer:

Beim eigenen Versuch, die Karten zu deuten, sollte man nicht zu ehrgeizig sein. Es müssen nicht alle Karten einer Analyse unterzogen werden. Die Karten, die man den Schülerinnen und Schülern zeigt, sollten aber überlegt ausgewählt sein. Es kann bereichern, wenn das Entdecken in den Bildern durch die Schülerinnen und Schüler ergänzt wird.

Die Phase der dritten Stunde ist für die Lehrerin / den Lehrer die anstrengendste, da er / sie mit voller Aufmerksamkeit das Geschehen lenken muss. Die Schülerinnen und Schüler brauchen, wenn es an Ideen fehlt die richtigen Hilfestellungen, sonst lässt bei ihnen die Motivation nach. Mit anderen Worten sollte man die Schülerinnen und Schüler an manchen Stellen ruhig auf den Weg der Ambivalenz (2) schieben, bis das „Aha Erlebnis“ bei ihnen eintritt.

Tipp:
- nicht zu viele Karten auswählen
- Karten in Gruppen ansehen lassen, Ideen aufschreiben/ präsentieren lassen
- Zeit für das Ende der 3. Stunde einplanen

Ende der 3. Stunde:

Lehrerin oder Lehrer fragt die Schülerinnen und Schüler, was aus Tommy geworden sein könnte, gibt dann Antwort, indem er den Text: „Tommy über sich“ vorliest, der Tommy heute als Erwachsenen spiegelt und damit ein gutes Ende des Schicksals hinterlässt.
Wenn noch Zeit: Rückmeldungen der Schülerinnen und Schüler zum Projekt

Um zu den (Bild-)Materialien zu gelangen:

Unterrichtsentwurf von Claudia Onnebrink, Kursteilnehmerin des Seminars „Erziehung nach Auschwitz“, NRW, 2004 und des Vertiefungsseminars 2008